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Einmal mehr lassen Schweizer Behörden Sorgfältigkeit im Umgang mit wichtigen Datensätzen vermissen. Das kratzt am Selbstverständnis eines Landes, das sich auch über das Funktionieren definiert.

Auf dem USB-Stick befand sich nicht nur eine Powerpoint-Präsentation, sondern auch über 150 andere Dokumente.
James Leynse / Corbis / Getty
Fürwahr, im Leben der meisten Journalisten gibt es angenehmere Termine als die «Medienkonferenz zur Rechnung 2025»: Zahlen, Tabellen, Finanzfachbegriffe. Aber es gehört nun einmal dazu, einmal im Jahr, auch für die «Appenzeller Zeitung».
Ein Redaktor der Zeitung fuhr deshalb am 18. März nach Appenzell, um sich die neuesten Innerrhoder Zahlen anzuhören, die der Finanzdirektor Ruedi Eberle wie gewohnt in meteorologische Metaphern verpackte: «Wir geniessen das schöne Wetter auf der Bergwanderung.» Oder in anderen Worten: Der Kanton übertraf das Budget um satte 14,6 Millionen Franken.
Eberle klickte sich vor den vier anwesenden Lokaljournalisten durch die Folien der Powerpoint-Präsentation, «Entwicklung Personalaufwand», «Wachstum und Niveau der kantonalen und kommunalen Personalausgaben je Einwohner», «Finanzpolitische Würdigung», alles gut, alles, wie gehabt. Welch schöne Bergwanderung!
Danach wurde den Medienschaffenden ein USB-Stick zur Verfügung gestellt. Darauf: die Powerpoint-Präsentation. Damit sie einzelne Zahlen nochmals nachschlagen konnten.
Über 150 Dokumente auf dem Stick
Der Journalist der «Appenzeller Zeitung» nahm einen dieser USB-Sticks mit und schloss ihn ein paar Stunden später am PC an, um eine Zahl nachzuprüfen. Doch auf dem USB-Stick war nicht nur die Powerpoint-Präsentation, sondern auch über 150 andere Daten: etwa eine Liste aller Kantonsangestellten, ihre Löhne und Lohnstufen, die Arbeitspensen und Überstunden. Dokumente mit den vom Kanton gewährten Studiendarlehen. Eine 159-seitige Übersicht aller Privatpersonen, Firmen und Behörden, die dem Kanton Geld schulden (Gesamtsumme per 5. Januar: 2,7 Millionen Franken). In den Datensätzen ist sogar vermerkt, wer zur Fahndung ausgeschrieben wurde.
Kurz: Daten, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Oder, wie es Eberle vielleicht nennen würde: ein heftiges Gewitter.
Die «Appenzeller Zeitung» hat den Fall am Mittwoch öffentlich gemacht. «Kein Aprilscherz», schrieb sie in Anlehnung an den Feiertag der humoristischen Täuschung, «sondern eine massive Datenpanne». Die Zeitung kommentierte, es fehle nicht nur an Sorgfalt, es fehle auch am Verständnis für Datensicherheit.
Die IT-Pannen häufen sich
Erst im März war der Kanton Basel-Stadt wegen einer IT-Panne in den Schlagzeilen. Die elektronischen Stimmen von 2048 Auslandsbaslern und Stimmberechtigten mit Behinderung konnten nicht berücksichtigt werden, weil es Probleme bei der Entschlüsselung des dafür nötigen USB-Sticks gab.
Man braucht die Ostschweiz aber gar nicht zu verlassen, um weitere solcher Negativbeispiele zu finden. Bei der Abstimmung im September 2024 verrutschten im Innerrhoder Bezirk Schlatt-Haslen einhundert Stimmen. In St. Gallen musste in jenen Tagen gar ein Wahlresultat nachträglich korrigiert werden. Die FDP wähnte sich bei den Stadtratswahlen als Siegerin. Vier Sitze hatte sie gewonnen, obschon der Trend freisinnige Verluste voraussagte. Ein zehnköpfiger Ausschuss winkte das sensationelle Resultat durch. Doch der Leiter des Stimmbüros wurde stutzig und liess das Ergebnis am nächsten Tag überprüfen. Tatsächlich hatte die FDP einen Sitz verloren und nicht vier gewonnen. Eine Formel in der Excel-Tabelle war falsch.
Zeitung hat die heiklen Daten gelöscht
Das bekannteste Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit sind die nationalen Wahlen im Herbst 2023, als die Schweiz einige Tage lang dachte, die Mitte habe die FDP überholt. Bundesbern debattierte bereits über einen zweiten Mitte-Sitz in der Landesregierung. Dann stellte sich heraus: Der Import kantonaler Daten war fehlerhaft programmiert.
Es war ein Moment, in dem die Bevölkerung an ihrem Selbstverständnis zweifelte. Ausgerechnet in der Schweiz, dem Land der Uhren und der Präzision, wo die politischen Verhältnisse stabil sind, die Züge pünktlich, die Handwerker verlässlich? Von wegen! Plötzlich musste man sich hierzulande für Fehler entschuldigen, die vermeintlich nur den anderen unterlaufen.
In Appenzell Innerrhoden ist die Panne laut dem Kanton «auf menschliches Fehlverhalten zurückzuführen», namentlich auf einen Mitarbeiter, wie die Medienstelle auf Anfrage schreibt. Man beabsichtige nun, ihn «unter Androhung einer Kündigung im Wiederholungsfall» zu ermahnen. Die «Appenzeller Zeitung» hat die heiklen Daten gelöscht und schriftlich bestätigt, keine Dokumente weitergegeben zu haben. Zu Schaden ist in Appenzell Innerrhoden niemand gekommen. Abgesehen vom Ruf des Kantons.