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Josef Winkler gehört zu jener Generation von Schriftstellern, die sich einst gestenreich von Vaterfiguren ihrer österreichischen Heimat abgewendet haben. Sein neuer Roman aber ist ein Buch der Zuneigung, die seiner verstorbenen Schwester gilt.

Josef Winklers neuer Roman ist Himmelfahrt und Höllenritt.
Sophie Bassouls / Sygma / Getty
Wenn man sich fragt, warum die österreichische Literatur im deutschsprachigen Raum einen Platz einnimmt, der die Grösse des Landes weit übersteigt, dann ist das eine der Antworten: Es kommt vom grossen symbolischen Türenknallen. In den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts zogen die schreibenden Söhne von zu Hause aus. Sie liessen die echten Väter oder imaginierte Vatergestalten hinter sich. Die Generation der Nazis, des Katholizismus und der Heimattümler.
Peter Handke war so ein Türenknaller, Gert Jonke und Franz Innerhofer, den man heute kaum noch kennt, aber wieder lesen sollte. Der lauteste von allen war damals Josef Winkler. Sein Prozess der Abnabelung vom Dorf war in einer wortmächtigen Orgie des Zorns geschrieben. In den Romanen einer Trilogie, die «Das wilde Kärnten» hiess. Hier lag das Kruzifix als ewiger Schatten über dem Tal.
Es war ein Leben zwischen Sünde, Beichte und Jauchegrube. Mächtige Altbauern sorgten mit blossen Händen dafür, dass das alte Recht des Patriarchats weniger angetastet wurde als die Würde der Familienmitglieder. Josef Winkler hat das alles aufgeschrieben. Mit der Eindringlichkeit von Litaneien und einem fotografischen Gedächtnis, zu dessen Genauigkeit noch die Übertreibung kommt.
Wie ein rachsüchtiger Engel
Schreibend kehrt Josef Winkler jetzt in seinem Roman «Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht» in sein Herkunftsdorf Kamering zurück. Er setzt sich «dem Sturzbach der Bilder aus der Vergangenheit» wieder aus. Wie ein rachsüchtiger Engel schwebt er über der kleinen Siedlung, die nach einem Feuer im 19. Jahrhundert in Form eines Kreuzes neu aufgebaut wurde.
Es ist ein Kreuz mit der Heimat und ihrer Gläubigkeit, der sich Winkler nicht entziehen kann. Herrgottsschnitzer, Weihrauch, Ministranten und Aufbahrungen. Tot liegt der Grossvater in der Stube. Ein Anflug von Verwesung und der Geruch der Schuhcrème «Erdal Rotfrosch altbewährt», mit der die Enkelin die Schuhe des Verblichenen für seinen letzten Gang auf Hochglanz gebracht hat.
Josef Winklers autobiografisches Ich erinnert sich daran, als kleines Kind an den offenen Sarg der Grossmutter gehalten worden zu sein mit der Aufforderung «Schau, Seppl, schau!». Dass die Lebenden dem Tod stets ins Auge sehen müssen, gehört zum katholischen Ablasshandel, und der Roman setzt diese Tradition mit grosser Innigkeit fort.
Auf über vierhundert Seiten sieht man Autofahrer in Momenten mangelnder Achtsamkeit aus der Kurve fliegen. Kinder werden von umstürzenden Statuen erschlagen oder von ausser Kontrolle geratenen Traktoren überfahren. Der nahe gelegene Fluss namens Drau ist der Sehnsuchtsort der Selbstmörderinnen, und auch das aus der Romantrilogie «Das wilde Kärnten» bekannte junge Freundespaar Jakob und Robert, das sich gemeinsam im Stall mit einem Kälberstrick erhängt hat, kommt vor.
Der lebende Leichnam des Nationalsozialismus
Die Tallandschaft, an deren Schattenseite das Dorf Kamering liegt, ist bei Josef Winkler ein Schicksalsort zwischen privater Psychologie und etwas Politischem. Der prominenteste Suizidant der Gegend kommt mehrfach vor: Odilo Globocnik. Der SS-Mann war in Polen und an der Adria massgeblich für die Verfolgung der Juden zuständig. Als Massenmörder wurde er zu Kriegsende von den Briten verhört und beging daraufhin Selbstmord mit Zyankali.
Man hat ihn auf dem «Sautratten» genannten Gemeinschaftsacker von Kamering verscharrt. Diese historische Tatsache liefert Josef Winkler eine metaphorische Munition, die zur österreichischen Antiheimatliteratur passt und in Elfriede Jelineks Österreich-Monologen noch verschärft wurde: im Untergrund immer noch der lebende Leichnam des Nationalsozialismus.
«Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht» ist trotzdem nicht der Roman, in dem sich Josef Winkler einmal mehr obsessiv von seiner Heimat abwendet. Im Gegenteil: Es ist ein Buch der Zuneigung. Diese Zuneigung gilt seiner älteren Schwester Maria, genannt Mitzele, die vor ein paar Jahren verstorben ist.
Im Realismus der Kameringer Bauernwelt und der festgefügten autoritären Ordnungen war diese Maria eine Seelenverwandte für Winkler. Aussenseiterin wie er selbst, aber mit einer dysfunktionalen Einbildungskraft. Ihre wiederkehrenden Visionen haben sie am Ende ihres Lebens in eine Pflegeanstalt für psychisch Kranke gebracht. Davor war sie über lange Jahre depressiv. Einsam und nicht einsam zugleich.
Die wirksamste ihrer Phantasmagorien war, dass sie von einem graumelierten Herrn besucht werde. Dieser Herr hinterlasse auf ihrer Kleidung Flecken, und hier gibt es ein zweites «Schau, Seppl, schau!». Das Ich des Romans muss die imaginären Flecken begutachten, es wird zum Komplizen eines Wahns. An keiner Stelle wird die Parallelwelt der Schwester denunziert. Sie wirkt lediglich wie das klinische Pendant zur Realitätsflucht des angehenden Schriftstellers. Des Viellesers, des homosexuellen Spinners. So zumindest sieht ihn das Dorf. Der Vater nennt ihn einen «nutzlosen Fresser».
Das Porträt Maria Winklers ist von anrührender Mitmenschlichkeit. Die Konditorin arbeitet in Hotels und Bäckereien, ist ihrer Arbeitsumwelt gegenüber aber so unsicher, dass sie bald ganz auf den Hof zurückkehrt. Genauso wie Josef Winkler, der bei Suhrkamp schon seine ersten drei Romane herausgebracht hat, aber an seinen mönchischen Schreiborten nicht weiterkommt.
Die gemeinsamen Abende in Kamering sind wie Rituale. Zusammengesponnen aus Marias Erzählungen und dem hochsensiblen Wachzustand ihres Bruders. Dem graumelierten Herrn legt Maria auf einer Serviette selbstgebackenen Gitterkuchen vor das unverriegelte Fenster. Abend für Abend zieht sie ihren blechernen Engel auf, der mit den Flügeln schlagen kann, aber in einer Drehung auch seine zwei Gesichter zeigt. Ein freundliches Antlitz und ein Totengesicht.
Der Vater, der Erzfeind
Josef Winkler, das sind Sigmund Freud und barocke Volksfrömmigkeit in einer Sprache gebündelt, die die grosse Bühne braucht. So wird auch aus dem Intimen ein unverwechselbares Theater: «‹Bevor ich einschlafe, bevor die Schlaftablette wirkt, geht es mir oft durch und durch!›, sagte sie, als ich wieder einmal vor dem Schlafengehen an ihrem Bettrand auf der grossväterlichen Rosshaarmatratze sass, aus der ich den Blutegel schnaufen hörte, als die Flügel ihres aufziehbaren Blechengels vor Angst längst erstarrt waren und nicht mehr himmelwärts winken konnten, denn es konnte schliesslich sein, dass er heut Nacht durch die geschlossene Fensterscheibe kommen würde.»
Josef Winklers neuer Roman ist Himmelfahrt und Höllenritt. Ihr zart die Hand reichend, durchschreitet der Schriftsteller mit seiner Schwester noch einmal die Stationen ihres Lebens und ihrer Krankheit. Den anderen im Dorf zeigt er die Faust. Den Vater nennt er einen Erzfeind und zugleich einen Erzfreund. Bis auf die fast blind dahindämmernde Mutter kommen die übrigen Verwandten nur wie Karikaturen ihrer selbst vor.
Man verlässt die Heimat nicht ungestraft. Als zwielichtiges Gefühl bleibt sie an einem hängen. Niemand hat das so genau geschildert wie Josef Winkler und dafür in seinem Heimatdorf Kamering ziemlich eindeutige Gefühle geerntet. Die Bevölkerung hat sich in Winklers Romanen erkannt und verraten gefühlt. Es lag Krieg in der Luft. Maria, die immer ohne Mann geblieben ist, starb schliesslich im psychiatrischen Pflegeheim an Leberkrebs. Sie war eine sanfte Seele mit dem Furor der Umnachtung. Es konnte sein, dass man Gewalt anwenden musste, um ihrer Herr zu werden. Ihre Angst war eine Wirklichkeit für sich und galt auch dem Bruder. «Den Seppl dürfen die Dorfleute nicht aufhängen!», schrie sie wieder und wieder, als man sie einmal in rasender Fahrt ins Krankenhaus brachte.
Josef Winkler: Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht. Roman. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2026. 432 S., Fr. 37.90.