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Dass Italien zum dritten Mal in Folge eine WM verpasst, ist die Folge des maroden Calcio. Die misslungene Qualifikation ist Symptom einer Gesellschaft, die sich schwertut, Jugendliche und Eingewanderte zu fördern – und vielleicht das Beste, was den Azzurri passieren konnte.

Die Sturmhoffnung Pio Esposito kommt gegen Bosnien spät ins Spiel und verschiesst einen Elfmeter.
Matteo Ciambelli / Reuters
Ach, Italien! Die Fussballnation des vierfachen Weltmeisters kommt einmal mehr wie ein unverbesserlicher Lausbub daher, wie ein Schüler, der zur immergleichen Prüfung antrabt – und doch nichts gelernt hat. Der Stoff ist ihm längst bekannt. Die Termine auch. Er hätte Zeit zum Lernen gehabt. Aber er rasselt gnadenlos durch.
Auch die WM in Nord- und Mittelamerika wird ohne den einstigen Stammgast Italien stattfinden. Im November 2017 scheiterten die Azzurri im WM-Play-off an Schweden, vier Jahre später an Nordmazedonien. Und am Dienstag nun an Bosnien. Zufälle sind im Fussball möglich. Doch was Italien erlebt, ist längst keine Laune des Schicksals mehr. Es ist die Folge des Nichtstuns – so wie bei den meisten verbockten Klausuren.
Die dritte verpasste WM-Qualifikation ist deshalb das Beste, was dem italienischen Fussball passieren konnte. Sie führt dem ganzen System vor Augen, dass es ohne tiefgreifende Veränderungen keinen Anschluss an den Weltfussball mehr finden wird. Spätestens jetzt wäre es an der Zeit, mit dem Problemschüler zu reden. Die Nachhilfefächer heissen: koordinierte Nachwuchsarbeit mit klarer Spielphilosophie, Reduktion der Serie A auf weniger Teams, leidenschaftliche statt machtbesessene Verbandsführung, Bau von attraktiven und rentablen Stadien.
All diese Baustellen sind seit Jahrzehnten offensichtlich. Aber das System Calcio war unfähig, sich zu reformieren. Und unwillig. Wer im Verband das Sagen hatte, wollte nie die mächtigen Klubs brüskieren, die lieber ausländische Talente fixfertig einkaufen, statt sie selbst auszubilden. Hier wird ein wunder Punkt der italienischen Gesellschaft sichtbar. Kinder von Eingewanderten finden oft schwer Anschluss ans soziale Leben und damit an die Sportwelt. Moise Kean, Italiens einziger Torschütze im Spiel gegen Bosnien, ist erst der fünfte dunkelhäutige Fussballer in der Nazionale.
Lange haben einzelne Erfolge die Verantwortlichen getäuscht. Denn marod war der italienische Fussball bereits 2006, als die Azzurri mitten in einem der grössten Betrugsskandale der Fussballgeschichte zur WM nach Deutschland anreisten. Dass ausgerechnet die Italiener den Titel gewannen, vertuschte gerade noch einmal, was alles in Klubs und im Verband schieflief. Ehre und Gesicht waren vorerst gewahrt. Italien feierte sich selbst. Reformen? Vielleicht später.
Aber die Jahre verstrichen, und am nächsten Turnier in Südafrika schied der Titelhalter mit einem überalterten Team ohne einen Sieg aus, als Gruppenletzter hinter Paraguay, der Slowakei und sogar Neuseeland. All die heutigen Diskussionen führte Italien schon 2010. Was Frankreich und Deutschland mit den Nachwuchsleistungszentren schon längst umsetzten, war im Süden erst eine vage Idee.
Der Verband engagierte damals seinen vielleicht grössten Fussballer der Geschichte als Präsidenten der technischen Abteilung. Roberto Baggio erstellte von 2011 bis 2012 einen 900 Seiten dicken Plan, um Trainerwesen, Scouting und Ausbildung von Talenten zu verändern. Was damit passierte, ist sinnbildlich: Das Dossier landete in irgendwelchen Schubladen. 2013 gab Baggio entnervt den Posten auf, weil sich nichts bewegte.
So ging das Schlingern weiter. Auch 2014: Aus in der Gruppenphase. Verhängnisvoll war in diesem Fall Costa Rica. Dann folgten die drei Blamagen mit den verpassten Qualifikationen. Zwischendurch stemmten die Azzurri die Trophäe der EM in die Höhe. Es war ein weiterer Moment, der eine falsche Sicherheit suggerierte, der denken liess, dass es vielleicht doch nicht so schlecht um dieses Fussballland stünde.
Natürlich war das ein Trugschluss. Der damalige Trainer Roberto Mancini hatte es als Ausnahmekönner in kurzer Zeit geschafft, ein schlagkräftiges Team zusammenzustellen. Schon kurz danach wurde aber klar, dass es sich auf einem wackligen Fundament befand. Sobald Mancini weg war, fehlte eine klare Linie, eine Identität.
Besonders deutlich wurde dies im EM-Viertelfinal 2024, als die Schweiz die Italiener des Coaches Luciano Spalletti vom Platz fegte. Denn die Schweiz hat seit den 1990er Jahren genau das, was den Italienern fehlt: einen genauen Plan, wie Talente gefunden und aufgebaut werden, wie eine Auswahl spielen soll. Mit zahlreichen Jugendlichen und Secondos. Ohne diese Basis kann auch ein noch so beherzter Weltmeister wie Gennaro Gattuso als Trainer nichts anrichten.