#Australien #sind #Benzin #und #Diesel #knapp
Rationierte Tankfüllungen, Diebstähle und ein Boom bei den Elektroautos: In Australien, wo die Menschen viel Auto fahren, macht sich der Krieg im Nahen Osten deutlich bemerkbar. Unter den gegebenen Umständen ist die Versorgung nur bis Ende April gesichert.

«Entschuldigung, zur Zeit nicht in Betrieb»: Zapfsäulen an einer Tankstelle in Sydney zeugen in der vergangenen Woche von der Kraftstoffknappheit in Australien.
Hollie Adams / Reuters
An der Tankstelle in Sydneys Strandvorort Freshwater hängt ein Schild: «Wir bitten, die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen. Aufgrund der Kraftstoffknappheit gilt eine maximale Tankfüllung von 50 Litern pro Pkw/SUV.» Es ist eine überflüssige Warnung – die Zapfsäulen sind ohnehin leer. Ein paar Kilometer weiter, in Manly, gibt es noch Diesel. Aber der kostet inzwischen über drei australische Dollar pro Liter. Ein Ladenbesitzer erzählt, dass er Kunden dabei beobachte, wie sie Reservekanister füllten, und manche sogar dabei, wie sie Benzin stählen. «Das ist nicht die australische Art», sagte Premierminister Anthony Albanese und nahm Bezug auf die zahlreichen Videos, die Menschen bei Benzin-Hamsterkäufen zeigen. Doch der Satz klingt wie ein Appell ins Leere.
Ein Land am Ende der Lieferkette
Seit dem 28. Februar, als die USA und Israel Iran angriffen und die Strasse von Hormuz – Durchfahrtstor für rund 25 Prozent des weltweiten Ölangebots – blockiert wurde, ist Australien in eine Energiekrise gerutscht, die das Land in seiner ganzen Verwundbarkeit zeigt. Der Preis für Benzin liegt bei durchschnittlich 2.50 australischen Dollar pro Liter (1.37 Franken), Diesel hat die Drei-Dollar-Marke (1.65 Franken) übersprungen – beides sind historische Höchstwerte. Rund 500 Tankstellen haben mindestens eine Kraftstoffsorte nicht mehr vorrätig. In der Konsequenz streichen die Menschen ihre Osterferien, Handwerker erhöhen ihre Preise, und Transportunternehmen weisen ihre Fahrer an: Tanke immer, wenn der Tank halb voll ist und du Diesel findest.
Was diese Krise von einem blossen Preisschock unterscheidet, ist das strukturelle Fundament, auf das sie trifft. Australien importiert 90 Prozent seines Kraftstoffs aus asiatischen Raffinerien in Indien, Malaysia, Singapur und Südkorea. Die eigenen Reserven decken derzeit 39 Tage – weit weniger als die 90 Tage, die die Internationale Energieagentur (IEA) verlangt. 2003 verfügte Australien noch über 8 Raffinerien; heute sind es 2, die nur mit staatlichen Subventionen überleben.
Besonders brisant ist die Lage beim Diesel. «Unsere gesamte Wirtschaft hängt davon ab», sagt Lurion De Mello, Dozent für Finanzwesen an der Macquarie University. 24 Prozent des australischen Dieselverbrauchs entfallen auf den Transportsektor, weitere 24 Prozent auf den Bergbau – eine Branche, die für die Exportwirtschaft existenziell ist. 8 Prozent fliessen in die Landwirtschaft. Bauern berichten von massiv gestiegenen Betriebskosten; die Ernte wird teurer, lange bevor sie den Markt erreicht. Trucker geben die Mehrkosten weiter. Die Inflation ist programmiert. Diesel wird zudem für den Betrieb von Notstromgeneratoren in Spitälern und abgelegenen Gemeinden benötigt.
Die Politik beschwichtigt
Der politische Kommentator Phillip Coorey von der «Australian Financial Review» spart nicht mit Kritik: «Es ist nicht so, dass wir nicht gewarnt worden wären.» Bereits 2012, als einige Raffinerien zu wanken begannen, schlug die Australian Workers Union Alarm. 2019 verfügte Australien laut dem Ministerium für Umwelt und Energie noch über 19 Tage Benzinreserven und über 22 Tage Vorrat für Diesel. Der Sozialdemokrat Bill Shorten machte die Wiederherstellung von Reserven für 90 Tage zum Wahlkampfthema – und verlor. Die Regierung Morrison verwarf den Plan als zu teuer und lagerte stattdessen kleine Mengen Öl symbolisch in Texas ein.
Die Labor-Regierung unter Anthony Albanese kämpft nun auf mehreren Fronten. Sie will private Importeure staatlich absichern, verlängerte die Raffineriesubventionen für Ampol und Viva Energy, gab Öl aus der strategischen Reserve frei und senkte vorübergehend die Kraftstoffstandards. «Die Kraftstoffversorgung bleibt in den nächsten Wochen stabil», versichert Albanese – räumt aber ein: «Je länger dieser Krieg andauert, desto grösser werden die Auswirkungen sein.» Bis Ende April ist die Versorgung gesichert, danach ist alles offen. Die Regierung schliesst nicht aus, die Bevölkerung ab dann zu Massnahmen wie Home-Office oder Fahrgemeinschaften aufzufordern. 6 von 81 planmässigen Tankerlieferungen wurden bereits storniert.
Verkauf von Elektrofahrzeugen boomt
Der unabhängige Senator David Pocock mahnt, dass Konsequenzen folgen müssten: «Australien verbrennt jährlich rund 25 Milliarden Liter Benzin und Diesel. Der Ersatz von Benzinfahrzeugen durch Elektroautos würde unsere Abhängigkeit von teurem importiertem Kraftstoff grundlegend verringern.» Allerdings machen Elektrofahrzeuge erst rund 2 Prozent der australischen Fahrzeugflotte aus. Der Weg ist lang.
«Wir dürfen diese Krise nicht verschwenden», sagt auch Tony Wood, Senior Fellow am Grattan Institute. Er plädiert für eine zweigleisige Strategie: rasche Ausweitung der Reserven auf IEA-Niveau und Beschleunigung des Übergangs zu Elektromobilität und alternativen Kraftstoffen. Den Ausbau heimischer Raffineriekapazitäten hält Wood für eine Sackgasse – Australiens Ölreserven wären beim gegenwärtigen Verbrauch in weniger als zehn Jahren erschöpft. Die Marktsignale kommen derweil an: Das Auktionshaus Pickles verzeichnet 20 Prozent mehr Elektrofahrzeugverkäufe als im Vormonat. Vor allem junge Familien wollen oder können die gestiegenen Pendelkosten nicht mehr tragen.
Australien, das seinen Wohlstand zu einem guten Teil auf den Export von Rohstoffen gründet, muss nun lernen, was es bedeutet, am anderen Ende der Lieferkette zu stehen. In ihrer Not setzt die Regierung unter anderem Exportgüter als Pfand ein. Gegenüber Malaysia, das zu den grössten Abnehmern von australischem Flüssiggas gehört und gleichzeitig 38 Prozent von Australiens Rohölimporten liefert, hat Albanese unmissverständlich klargemacht: «Wir erwarten Gegenseitigkeit in unseren wirtschaftlichen Beziehungen.»