#die #Selbstvergottung #von #Donald #Trump

Die Rede zur Lage der Nation wurde mit Spannung erwartet – der amerikanische Präsident lieferte allerdings ein abgestandenes Trump-Medley. Die Beschwörung des goldenen Zeitalters hat sich abgenutzt.

Der amerikanische Präsident Donald J. Trump während seiner Rede zur Lage der Nation, Washington, 24. Februar 2026.
Kenny Holston / EPA
Trump ist ein Meister darin, die Wahrnehmung und den Fokus der Welt zu lenken. Getrieben von der Überzeugung, dass Aufmerksamkeit letztlich Macht bedeutet, lanciert der amerikanische Präsident laufend neue Ideen, Initiativen und Sensationen. Allein im Januar flog er den venezolanischen Diktator Maduro nach New York aus, drohte Iran mit einem Krieg, stellte den Europäern eine Annexion von Grönland in Aussicht und liess seinen Kampf gegen illegal eingewanderte Migranten in Minnesota eskalieren. Wenn Trump agiert, dann müssen die anderen reagieren. So kontrolliert der amerikanische Präsident nicht nur die öffentliche Aufmerksamkeit, sondern auch das politische Geschehen. Entertainment und Politik sind bei ihm letztlich dasselbe.
Sein Aktivismus birgt natürlich die Gefahr von politischen Fehltritten, aber sie fallen angesichts von Trumps Kadenz weniger ins Gewicht. Letztlich testet Trump permanent Themen: Fällt eine Idee wie etwa die Grönland-Annexion bei seinen Anhängern durch, lässt er sie fallen und lanciert eine neue.
Die grösste Schlagzeile lautet: 108 Minuten
Welche Rakete würde der Pyrotechniker Trump also bei seiner Rede zur Lage der Nation zünden? Die Antwort ist: Es fiel ihm anscheinend nichts ein. Wie unergiebig Trumps «State of the Union»-Rede war, lässt sich nur schon anhand des Medienechos feststellen. Die Zeitungen arbeiteten sich zum einen an der Länge der Rede ab: Mit 108 Minuten war sie die längste Rede zur Lage der Nation in der amerikanischen Geschichte.
Zum anderen bemühten sich die Journalisten den Redeschwall mit Faktenchecks einzufangen. Triumphierend stellten sie fest, dass Trump an vielen Stellen übertrieben oder gelogen hat. Das kann dem amerikanischen Präsidenten aber egal sein. Zwar schildert Trump seine Erfolge gern anhand rekordmässiger Zahlen, auf eine genaue Darstellung von Fakten hat er es jedoch noch nie angelegt. Dramatischer ist die Erkenntnis, dass es ihm für einmal nicht gelungen ist, ein einziges überraschendes Thema zu setzen.
Was Trump vorführte, war eine Selbstbeweihräucherung, die phasenweise einer Selbstvergottung glich. «Unsere Nation ist zurück; grösser, besser, reicher und stärker als jemals zuvor», verkündete Trump. Er beschwor die 250-jährige Geschichte Amerikas und sprach einmal mehr von einem «goldenen Zeitalter». Im Grunde sampelte er damit noch einmal seine Inaugurationsrede von 2025. Damals meinte er, das goldene Zeitalter habe gerade erst begonnen. Nun, so die Botschaft, lebten die Amerikaner bereits über ein Jahr im Paradies, das sie Trump und seinen treuen Weggefährten von den Republikanern zu verdanken hätten. Hinter ihm sassen der Vizepräsident J. D. Vance und der Speaker Mike Johnson, die während 108 Minuten immer wieder aufstanden, klatschten, nickten und ihren Helden mimisch unterstützten.
Trump bewacht die Grenze
«Vor kurzem waren wir ein totes Land, jetzt sind wir das hotteste Land der Welt», beschied Trump die Anwesenden. Zum Trump-Medley gehören eine pumpende Wirtschaft, eine überwältigende Friedenspolitik – angeblich habe er acht Kriege beendet –, zig Allzeit-Hochs an den Börsen, kaum Inflation sowie ein amerikanischer Geist, der wiederhergestellt worden sei. Die woke Politik in Amerika habe man beendet, und die Feinde Amerikas hätten wieder Angst vor den USA – «vielleicht wie niemals zuvor».
Neben der Wirtschaftspolitik hob Trump insbesondere die rigorose Migrations- und Sicherheitspolitik hervor. Gleichzeitig veranschaulichte er daran auch, wie fragil aus seiner Sicht die politische Lage ist. Sollten die Demokraten wieder an die Macht kommen, wäre das goldene Zeitalter schnell wieder zu Ende, dies konnte man aus den Trumpschen Ausführungen schliessen. Zum Kampf gegen kriminelle illegale Einwanderer sagte Trump: «Das Einzige, was zwischen den Amerikanern und den offenen Grenzen steht, sind Donald J. Trump und die Republikanische Partei im Kongress.»
Am gelungensten waren noch die wenigen halb ironischen Passagen der Rede. Die Leute kämen auf ihn zu und würden sagen: «Mister President, wir gewinnen zu viel, wir kommen damit gar nicht mehr klar.» Bei solchen Stellen wirkt ein Effekt, den die Journalisten gern unterschlagen: Trump macht sich über seine eigenen Übertreibungen lustig, zumindest für einen kurzen Augenblick.
Die Wahrnehmung der Amerikaner
Trump hat in der Migrationspolitik zweifellos viel erreicht, die Bilanz seiner Wirtschaftspolitik wiederum ist durchzogen. Die Arbeitslosenquote ist leicht gestiegen, mit seiner protektionistischen Zollpolitik terrorisiert er den Welthandel.
Trumps Rede glich in ihrem masslosen Selbstlob einer Autosuggestion: Weil ich das goldene Zeitalter verkünde, ist das goldene Zeitalter da. Das ist eine zu dünne Botschaft, umso mehr, als viele Amerikaner die Realität anders wahrnehmen. Sechs von zehn finden, dem Land gehe es schlechter als vor einem Jahr. Die Fakten können dem amerikanischen Präsidenten ein Stück weit egal sein, die Wahrnehmung der Amerikaner aber nicht.