#Chaos #und #Gewalt #Osten #des #Landes

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Syrische Regierungstruppen haben weite Teile der von Kurdenmilizen gehaltenen Gebiete im Osten des Landes überrannt. Eine Reise ins Kampfgebiet, wo inzwischen auch inhaftierte IS-Terroristen auf freiem Fuss sind.
Die Männer auf der Landstrasse nach Hasaka sind ein wilder Haufen. Sie tragen verbeulte Kalaschnikows, lassen ihre Jacken trotz der Eiseskälte offen und haben einen Autoreifen angezündet, um sich zu wärmen. Hinter ihnen steht ein Pick-up mit einem Drohnenabwehrgerät, das an einem klapprigen Generator hängt. Gestern habe es zwei Angriffe gegeben, sagt einer von ihnen. «Dabei sind zwei unserer Leute gestorben.»
Heute hingegen ist es ruhig an der Front im tiefen Osten Syriens, wo sich seit Tagen Regierungstruppen und Milizionäre der kurdisch geführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) bekämpfen. Die jüngste Welle der Gewalt war vor drei Wochen losgebrochen, als ein Dauerstreit zwischen der neuen Regierung um den Islamisten Ahmed al-Sharaa und den Kurdenmilizen im Osten eskalierte.

Syrische Soldaten in der Nähe von Hasaka. Im Osten des Landes herrscht zurzeit Krieg zwischen der Regierung und den kurdisch geführten SDF-Milizen.
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Regierungssoldaten verhaften mutmassliche SDF-Kämpfer. Die Kurden mussten jüngst schwere Rückschläge hinnehmen.
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Für die Kurden ist der Krieg bis jetzt eine Katastrophe
Die beiden Seiten liegen wegen der Machtverteilung im Land über Kreuz. Trotz mehreren Verhandlungsrunden konnten sie sich nicht auf einen Kompromiss einigen. Nun sprechen stattdessen die Waffen. Präsident Sharaa hat wegen der Krise sogar seine Reise nach Davos zum Weltwirtschaftsforum abgesagt.
Für die Kurden ist der Krieg bis jetzt eine Katastrophe. Die Angehörigen der Minderheit, die sich während ihres blutigen Feldzugs gegen den Islamischen Staat (IS) einst auch eine Art Unabhängigkeit von der Regierung in Damaskus erkämpft hatten, stehen mit dem Rücken zur Wand. Innert weniger Tage wurden grosse Teile des von ihnen gehaltenen Territoriums überrannt. Jetzt bereiten sie sich in ihren Stammlanden im tiefen Osten auf den Endkampf vor.
Ein viertägiger Waffenstillstand soll der SDF-Führung um Maslum Abdi und der mit ihm verbundenen, in der Türkei als Terrororganisation eingestuften kurdischen Arbeiterpartei PKK nun Zeit geben, über eine Kapitulation nachzudenken. Sollten sie sich dazu nicht durchringen, drohen die von Ankara unterstützten Regierungstruppen damit, die letzten kurdischen Hochburgen zu stürmen.
Seither herrscht gespenstische Ruhe. Auf den Strassen in Richtung Front sind fast nur Militärfahrzeuge unterwegs. Im chaotischen Syrien – wo die Regierenden bis vor kurzem auch noch bärtige Jihadisten und Milizenführer waren – bedeutet das: wild aussehende, in Wolldecken gehüllte Kämpfer auf Geländewagen und halb verrostete russische Panzer, die mit privaten Tiefladern herangeschafft werden. Inzwischen sind aber auch moderne türkische Truppentransporter zu sehen.

Regierungssoldat in der Nähe der Front. Vielerorts waren es lokale Stämme, die die Offensive anführten. Das führte zu Chaos und Anarchie.
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Truppentransporter in Ostsyrien. Zurzeit herrscht eine brüchige Waffenruhe.
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Ein bettelarmer Ort
Die Kurden, die sich vor Massakern fürchten, senden derweil verzweifelte Appelle hinaus in die Welt. Doch ihre Lage scheint aussichtslos. Ihre Stadt Kobane ist völlig eingeschlossen, Hilfe kommt nur tröpfchenweise aus den irakischen Kurdengebieten in ihre Enklave. Die internationale Gemeinschaft hat sie offenbar ebenfalls aufgegeben. Washington soll Präsident Sharaa sogar grünes Licht für die Operation gegeben haben.
Doch die fehlende Unterstützung der Amerikaner, die zu IS-Zeiten noch gemeinsam mit den Kurden gekämpft hatten, ist längst nicht deren einziges Problem. Den SDF-Führern gehen auch die eigenen Verbündeten von der Fahne. Unzählige arabische Kämpfer, die eigentlich dem Milizenverbund angehörten, waren in den vergangenen Tagen desertiert oder hatten sich gegen ihre Bündnispartner gestellt.
Das wundere ihn nicht, sagt ein bärtiger Ladenbesitzer in der Kleinstadt al-Shaddadi, etwas südlich von Hasaka, während er Besuchern in seinem Geschäft bitteren Kaffee anbietet. «Am Anfang, als sie den IS vertrieben hatten, waren die Kurden beliebt. Aber das änderte sich schnell.» Die Politkommissare der SDF hätten die Bevölkerung gegängelt und Arabern nur untergeordnete Posten gegeben.
Al-Shaddadi – wo der IS einst einen Sklavenmarkt für verschleppte Jesidinnen betrieb – ist ein bettelarmer Ort. Die Strassen sind ungeteert, im Zentrum reihen sich finstere Läden und Baracken aus Wellblech aneinander. Viele Häuser sind aus Lehm. Strom gibt es nur unregelmässig, und immer, wenn ein Armeewagen mit Starlink vorbeikommt, versammeln sich die Bewohner mit ihren Handys um das Fahrzeug, um kurz etwas Internet zu haben.

Ein verlassener Checkpoint der SDF-Miliz in Ostsyrien. Die arabische Bevölkerung lehnte die Kurdenkämpfer mehrheitlich ab.
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Das Städtchen al-Shaddadi im Hinterland der Front. Die ehemalige IS-Hochburg wurde gerade erst von Regierungstruppen erobert und ist bettelarm.
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Aus dem Gefängnis flohen 120 IS-Kämpfer
Die Einwohner – die hier wie in allen bisher eroberten Gebieten mehrheitlich Araber sind – haben die einrückenden Truppen deshalb wie Befreier begrüsst. Überall winken Kinder den Soldaten zu, als diese in Bussen und auf den Pritschen von Lieferwagen weiter in Richtung Kampfgebiet fahren. Im Zentrum des Städtchens versuchen derweil Einheiten der Militärpolizei, für Ordnung zu sorgen.
In den von den Regierungstruppen eroberten Gegenden herrscht vielerorts Chaos. Überall sieht man Zivilisten, die zurückgelassene Fahrzeuge der geflohenen Kurdenmilizen plündern, etliche Männer laufen bewaffnet herum. Damaskus-treue Kämpfer sollen zudem SDF-Milizionärinnen misshandelt und deren Grabmäler geschändet haben. In der Nähe der Stadt Rakka wurde offenbar sogar eine IS-Fahne gehisst.
Die Anarchie hatte weitreichende Folgen. So konnten aus dem am Stadtrand von al-Shaddadi liegenden Gefängnis 120 IS-Terroristen entkommen. Die islamistischen Kämpfer waren hier einst von den Kurden eingesperrt worden. Wie es zu der Massenflucht kam, ist unklar. Kurden und Regierungstruppen beschuldigen sich gegenseitig. Sharaas Islamisten hätten die Männer freigelassen, heisst es vonseiten der SDF.
Die mit dem IS verfeindete Regierungsarmee weist das zurück. «Als wir hier ankamen, waren alle weg. Die Kurden haben sie freigelassen, um für Chaos zu sorgen», sagt Abu Alaa, der Kommandant jener Einheit, die für das Gefängnis zuständig ist und in einem der finsteren Gänge der Haftanstalt steht. Man tue alles, um sie wieder einzufangen. 81 von ihnen habe man bereits geschnappt.

Das leere Gefängnis von al-Shaddadi. Hier waren mehr als hundert ehemalige IS-Kämpfer inhaftiert.
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IS-Kämpfer im Gefängnis von al-Shaddadi. Viele von ihnen kamen infolge der Kampfhandlungen frei. Noch ist unklar, wie sie entkommen konnten.
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Amerikaner evakuieren Häftlinge
Einer seiner Soldaten führt durch die inzwischen leere Anlage. Selbst die Zellentüren fehlen. Sie seien geplündert worden, sagt Abu Alaa. In den Gängen der Haftanstalt sind noch die Overalls zu sehen, die die Gefangenen tragen mussten und die sie offenbar vor ihrer Flucht abstreiften. Als kleine orangefarbene Häufchen liegen sie auf dem Betonboden.
Wer tatsächlich für das Entkommen der Häftlinge verantwortlich ist, lässt sich kaum sagen. Glaubt man den Bewohnern von al-Shaddadi, waren es weder Regierungstruppen noch Kurden, sondern lokale Stammeskämpfer, die kurzerhand die Türen öffneten. Viele der Stämme kämpften einst mit dem IS und hatten deshalb Verwandte im Gefängnis. Politische Loyalität ist in dem harten, leeren Land hier nur von begrenzter Dauer.
Die entlaufenen IS-Kämpfer haben inzwischen auch die Amerikaner aufgeschreckt. Am Mittwoch kündigte Washington an, rund 7000 Häftlinge aus den SDF-Gebieten in den benachbarten Irak zu verlegen. Die USA, die immer noch Truppen in Syrien stationiert haben, scheinen niemandem zu trauen: weder den untergehenden Kurden noch den voranstürmenden Regierungstruppen.
Deren Soldaten haben inzwischen das Lager von al-Hol erreicht. Die gewaltige Zelt- und Barackenstadt mit bis zu 30 000 Insassen gilt als das berüchtigtste Lager in der Region. Hunderte Terrorbräute des IS sind dort eingesperrt, mitsamt ihrem Nachwuchs. Daneben harren aber auch Binnenvertriebene und Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak aus – nach all den Kriegen und Krisen hier gestrandet.

Syrische Sicherheitskräfte im Lager von al-Hol. Nachdem die kurdischen Wachen abgezogen waren, herrschte in dem Lager Chaos.
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Insassen von al-Hol. Neben vielen Flüchtlingen aus Syrien und dem Irak sind hier auch die Frauen und Familien von IS-Kämpfern inhaftiert.
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«Zu Hause ist es noch schlimmer»
Wie Fahdi, ein junger Mann aus Aleppo, der vor den Bomben des Asad-Regimes geflohen ist und wie viele andere Insassen jetzt am Lagerzaun steht. Er habe mit dem IS nichts zu tun und wolle nur nach Hause, sagt er. «Dieser Ort ist ein Ort ohne Hoffnung.» Andere wiederum wollen nicht weg. «Zu Hause ist es noch schlimmer», sagt eine voll verschleierte Frau aus dem Irak, die sich vor den dortigen Schiitenmilizen fürchtet. «Ich will hier bleiben. Uns fehlt es aber an Essen.»
Man habe das Lager rund eine Stunde nach dem Rückzug der Kurden übernommen, sagt ein Offizier der syrischen Sicherheitskräfte – und werde nun alle Insassen überprüfen. Derweil beziehen seine Leute Position rund um das riesige Gebiet, über dem nun Rauchwolken aufsteigen. Es sind Uno-Baracken, die die Einwohner aus Wut über ausbleibende Lebensmittellieferungen angezündet haben. «Was sollen wir tun?», fragt der Offizier. «Wir haben selbst nichts zu essen.»

Luftaufnahme des Lagers von al-Hol. Hier leben bis zu 30 000 Insassen.
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