#Auch #ohne #die #USA #geht #mit #dem #Freihandel #weiter

Die USA haben eine globale Einigung am Ministertreffen der Welthandelsorganisation (WTO) in Kamerun verhindert. Europäische und asiatische Länder stemmen sich nun mit plurilateralen Abkommen gegen den Protektionismus.

Eine Koalition der Willigen schreitet voran: Dutzende WTO-Mitglieder trafen eine Vereinbarung zum digitalen Handel – ohne die USA.
Oli Poidevin / Reuters
Das vermeintlich Überholte zeigt manchmal bemerkenswerten Lebenswillen. So ist es auch mit dem multilateralen, regelbasierten Handel, der seit dem Zollhammer von Donald Trump am sogenannten «Liberation Day» vor fast genau einem Jahr als so gut wie abgeschafft galt.
Zollfreiheit für Dienstleistungen auf Umwegen
An ihrem alle zwei Jahre durchgeführten Ministertreffen wollte die Welthandelsorganisation (WTO) eigentlich den Beweis ihrer Vitalität erbringen. Doch leider ist ihr das nicht gelungen. Am vergangenen Sonntagabend reisten die Minister ohne abschliessende Einigung aus der kamerunischen Hauptstadt Yaoundé ab. Die USA hatten eine unbegrenzte oder zumindest anhaltende Verlängerung der auslaufenden Vereinbarung verlangt, die Zollfreiheit für grenzüberschreitende digitale Transaktionen – wie beispielsweise Film-Streaming und Cloud-Dienste – garantiert. Eine Handvoll Länder stellte sich quer, und die USA gaben nicht nach. Doch ein Grossteil liess sich davon schliesslich nicht beirren – und ging kurzerhand eigene (Um-)Wege.
Insgesamt 66 WTO-Mitgliedstaaten, darunter die Schweiz, die EU, Japan, Australien und sogar China, haben eigens eine Vereinbarung getroffen, um digitale Übertragungen weiterhin zollfrei zu gewährleisten. Obwohl die USA, Brasilien und Indien nicht mitziehen, deckt die Allianz immerhin rund 70 Prozent des globalen Handels ab.
Während die USA nach 1945 die treibende Kraft hinter dem Freihandel waren, paralysieren sie seit einigen Jahren die WTO – unter Donald Trump erst recht. Doch die Not macht die anderen zunehmend erfinderisch.
So hat die sonst eher träge EU seit Donald Trumps Amtsantritt Anfang 2025 sechs neue Freihandelsabkommen ausgehandelt. Die jüngste Übereinkunft mit Australien ist erst eine Woche alt. Sie sieht den Abbau der allermeisten Zölle auf europäische Exporte sowie die Versorgung mit kritischen Rohstoffen aus Australien vor. Drei weitere EU-Vereinbarungen sind darüber hinaus noch in Vorbereitung.
Es geht um viel
Ökonomisch gesehen sind Freihandelsabkommen nur die drittbeste Lösung. Die beste – weil am wenigsten verzerrende – bleibt der Multilateralismus. Gemeinsame Regeln erhöhen die Effizienz und schützen vor Willkür. Besonders kleinere und mittelgrosse Staaten profitieren davon, da sie ihre Interessen auf internationaler Ebene kaum einseitig durchsetzen können. Studien schätzen, dass das globale Bruttoinlandprodukt (BIP) bis 2040 um fast 9 Billionen US-Dollar höher ausfallen könnte, wenn alle WTO-Mitgliedstaaten das Abkommen zum digitalen Handel übernähmen. Das entspräche aufsummiert rund einem Zehntel des heutigen Welt-BIP.
Um sich diese Vorteile von den grossen Protektionisten nicht vorenthalten zu lassen, setzt eine «Koalition der Willigen» nun zusehends auf die zweitbeste Lösung im Weltwirtschaftssystem: statt der multilateralen Einigung auf plurilaterale Verhandlungen und Abkommen.
Im vergangenen Jahr gründete die Schweiz mit Singapur, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Neuseeland die Partnerschaft Future of Investment and Trade (FIT), um den Handel zwischen kleinen und mittleren offenen Volkswirtschaften zu fördern.
Der kanadische Premierminister Mark Carney bezeichnete den Ansatz mittelgrosser Staaten in seiner vielbeachteten Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar als «variable Geometrie». Je nach Thema würde man unterschiedliche Koalitionen bilden, die auf gemeinsamen Werten und Interessen basierten.
Hoffen auf Einsicht
Die Trump-Regierung lässt kaum eine Gelegenheit aus, andere Länder dafür zu rügen, dass sie wirtschaftlich zu wenig wettbewerbsfähig seien und mit den USA nicht genug Handel trieben. Nun ergreift ausgerechnet das von Washington oft kritisierte Europa die Chance. Die USA – vermutlich der weltweit grösste Anbieter digitaler Inhalte und Dienste – bleiben aussen vor.
Die Funktionsweise und die Anpassungsfähigkeit der WTO sind durch ihr Einstimmigkeitsprinzip stark beeinträchtigt. Zu hoffen ist, dass der plurilaterale Ansatz der in Genf beheimateten Organisation neues Leben einzuhauchen vermag. Und dass irgendwann die USA auch wieder mitmachen.
Man kann von der WTO halten was man will. Zumindest ist es eine kleine „Beruhigungspille“, dass die Organisation noch aktiv ist und mehr oder weniger funktioniert.