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Energiewende-Freunde werfen dem Stromkonzern vor, mit fragwürdigen Annahmen die Kernkraft attraktiver erscheinen zu lassen, als sie in Wirklichkeit sei.

«Keine Planspiele für neue Kernkraftwerke»: Atomgegner kritisieren Studie der Axpo scharf.
Ennio Leanza / Keystone
Wie kann die Schweiz verhindern, dass ihr der Strom ausgeht? Über diese Frage wird in der Politik gerade wieder heftig gestritten. Energieminister Albert Rösti will mit Kernenergie den wachsenden Strombedarf decken und fordert die Aufhebung des Bauverbots für Kernkraftwerke. Vergangene Woche ist ihm der Ständerat gefolgt – sehr zum Ärger eingefleischter Atomgegner. «Albert Rösti hat dem Ständerat einen Bären aufgebunden», wetterte der Mitte-Nationalrat Stefan Müller-Altermatt am Montag in einem Gastbeitrag in den Zeitungen von CH Media. Andere AKW-Kritiker sprachen gar von einem «Verrat an der Energiewende».
In dieser aufgeheizten Stimmung hat die Axpo am Dienstagmorgen eine umfassende Studie vorgelegt, die aufzeigen will, wie sich eine Stromlücke im Winter vermeiden lässt. Und, o Wunder: Kaum hatte der Stromkonzern seine umfangreichen Berichte publiziert, prasselte scharfe Kritik auf ihn nieder. Die Axpo-Analyse sei «von Eigeninteressen des Stromkonzerns geprägt» und zeichne ein verzerrtes Bild der künftigen Stromversorgung, wetterte etwa die atomkritische Schweizerische Energiestiftung. Sie wirft der Axpo vor, mit methodisch zweifelhaften Annahmen und lückenhaften Szenarien die erneuerbaren Energien systematisch schlechtzurechnen und neue Atomkraftwerke unnötig in den Fokus zu rücken.
Erneuerbare allein reichen nicht
Was die Enthusiasten der Energiewende besonders verärgert: Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die Versorgungssicherheit mit erneuerbaren Energien allein nicht gewährleistet werden kann. Im ersten Szenario der Axpo braucht es Gaskraftwerke als dauerhafte Energiequelle, damit die Schweiz sicher durch den Winter kommt; im zweiten zwei neue Kernkraftwerke. Dazu kommt, dass laut der Axpo zusätzlicher Winterstrom aus Dachsolaranlagen mehr staatliche Förderung braucht als Strom aus Kernkraft.
Die Energieversorgerin plädiert zudem für eine Neuausrichtung der staatlichen Förderung von Solaranlagen. Statt mit der Giesskanne sollen Fördergelder künftig danach vergeben werden, welchen Beitrag eine Anlage zur Winterversorgung leistet. Vorgesehen sind Auktionen, bei denen sich jene Anbieter durchsetzen, die Winterstrom am günstigsten produzieren – unabhängig davon, ob dieser aus Windkraft, Gas, Solar oder Kernkraft stammt.
Aus Sicht des Branchenverbands Swissolar weist die Studie denn auch «wesentliche Schwächen» auf. «Die Axpo unterschätzt massiv, wie schnell ausbaubar und kostengünstig die erneuerbaren Energien sind», sagt der Geschäftsführer Matthias Egli. Im Fall der Photovoltaik sei das Ausbauziel der Energiestrategie 2050 für 2035 bereits heute erreicht. Setze sich das gegenwärtige Wachstum fort, könne mit Solarenergie bis 2050 mehr Winterstrom erzeugt werden als mit den im Axpo-Szenario vorgeschlagenen zwei Kernkraftwerken. Die Befürchtung einer Winterstromlücke werde durch diese oft übersehene Entwicklung stark relativiert.
«Planspiele für neue Kernkraftwerke»
Auch AEE Suisse, der Dachverband der Wirtschaft für erneuerbare Energien, stützt die Befunde der Studie nur teilweise. Im Grundsatz begrüsse man zwar die von der Axpo präsentierten Szenarien, etwa die positive Beurteilung der Windenergie. Auch entspreche die Kombination von erneuerbaren Energien mit Gaskraftwerken weitgehend der bestehenden Energiestrategie. Doch sollten Gaskraftwerke primär als flexible Reserve dienen – und nicht als dauerhafte Stromquelle, wie von der Studie vorgeschlagen.
«Die Wissenschaft hält fest, dass in der Schweiz weder Gas- noch Kernkraftwerke als Grundlast notwendig seien», sagt Stefan Batzli, Co-Geschäftsführer von AEE Suisse. Vor diesem Hintergrund begegne man auch Planspielen für neue Kernkraftwerke mit Skepsis. Aufgrund hoher Investitionskosten und finanzieller Risiken seien diese ohne staatliche Unterstützung wirtschaftlich nicht tragfähig und würden für die Schweiz ein erhebliches Kostenrisiko darstellen.
Vorbehalte kommen ebenfalls von WWF Schweiz: Man beurteile mehrere Annahmen der Studie kritisch, insbesondere zu den Kosten einzelner Technologien, heisst es in einer Stellungnahme. Gas- und Atomstrom würden auffällig günstig ausgewiesen, die bedeutenden privaten Investitionen in die Energiewende unterschätzt. «Solarstrom, der bei der Bevölkerung besonders hohe Akzeptanz geniesst, erscheint rechnerisch deutlich teurer als in vergleichbaren Prognosen», sagt der WWF-Energieexperte Patrick Hofstetter.
«Option neuer Kernkraftwerke nötig»
So pointiert die Kritik auf der Seite der Erneuerbaren-Freunde ausfällt, so positiv äussert man sich im Lager der Kernenergie-Befürworter. Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse lobt, dass die Axpo erstmals technologieoffene Szenarien für die künftige Stromversorgung der Schweiz umfassend dargestellt habe.
Besonders wichtig sei, dass die Studie die Bedeutung längerer Laufzeiten der bestehenden Kernkraftwerke für tiefe Kosten und eine hohe Versorgungssicherheit aufzeige, sagt Lukas Federer, Leiter Energie und Umwelt bei Economiesuisse. Allein schon deshalb müsse das Kernkraftverbot fallen. «Es braucht erneuerbare Energien, eine stärkere Einbindung in die europäische Versorgungsarchitektur und die Option neuer Kernkraftwerke.» Gerade im Winter sei Kernenergie gemäss der Studie eine vergleichsweise günstige Lösung.