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Wird Trump versuchen, Khamenei auszuschalten?

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Die USA haben vor den iranischen Gewässern eine grosse Drohkulisse aufgebaut. Der amerikanische Präsident würde gerne mit Nadelstichen das Regime stürzen, ohne einen grossen Krieg zu riskieren.

Petra Ramsauer

Demonstrierende setzen vor ein paar Tagen ein Bild des Obersten Führers Ayatollah Ali Khamenei in Brand.

Liri Agami / Imago

Bei ihm laufen seit vierzig Jahren die zentralen Fäden der Islamischen Republik zusammen: Ayatollah Ali Khamenei, der 86-jährige Oberste Führer, hat die absolute Macht in Iran, das letzte Wort bei allen entscheidenden Fragen. Er war es auch, der den Befehl gab, am 8. und 9. Januar das Feuer auf Demonstrierende zu eröffnen, und damit ein Massaker anrichtete. Auf den Transparenten der Protestierenden stand vor allem ein Slogan: «Tod dem Diktator». Sie meinten Ali Khamenei. Sein Porträt wurde in Brand gesetzt. Er ist das Hassobjekt des Grossteils der 90 Millionen Menschen im Land. Und zugleich der Garant der Islamischen Republik Iran. Mit ihm steht das Regime. Ohne ihn könnte es fallen.

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Darauf setzt der amerikanische Präsident Donald Trump im jetzt eskalierenden Konflikt mit dem Regime in Teheran. Ein Schlag gegen den Langzeitführer, die «Enthauptung» der Spitze der Machtpyramide, soll das Regime brechen und so statt eines langen Krieges einen blitzartigen Machtwechsel zustande bringen. «Demonstriert weiter, übernehmt die Institutionen. Hilfe ist auf dem Weg!» – Mit diesem Versprechen feuerte Trump die Massenproteste an. Er zögerte aber in letzter Sekunde mit dem versprochenen Eingreifen. Die US-Armee war auf einen solchen Angriff nicht vorbereitet und Israel, der engste Verbündete, zu exponiert.

Das hat sich in den vergangenen beiden Wochen grundlegend verändert. Die Amerikaner haben eine imposante Drohkulisse vor Irans Gewässern am Persischen Golf aufgebaut. Der Flugzeugträger USS «Abraham Lincoln» mit 5000 Soldaten und Dutzenden Kampfjets, darunter F-35-Tarnkappenbomber, steht parat. Flankiert wird er von drei Zerstörern, bestückt mit Tomahawk-Marschflugkörpern. Zusätzlich wurden F-15- und F-16-Bomber auf amerikanische Stützpunkte verlegt, um iranische Raketen und Drohnen abzufangen.

Ist Iran mit Venezuela vergleichbar?

Ist nun die Zeit reif für diesen einen Schlag gegen die Führungsspitze? Ein gezielter Angriff auf Khamenei steht im Raum. Dazu könnten Bodentruppen zum Einsatz kommen, wie das Weisse Haus gegenüber amerikanischen Medien durchsickern liess. Eine Option für ein Eingreifen in Iran sei es, eine Spezialeinheit ins Land einzuschleusen. Sie könnte, heisst es, «vorrangige Ziele» angreifen. Dazu zählen die Atomanlagen, aber auch hohe Führungsfiguren.

Indizien für dieses Szenario sind auch Trumps häufige Vergleiche mit dem amerikanischen Coup in Venezuela. Dort kidnappten US-Spezialeinheiten Präsident Nicolás Maduro, und der Regimewechsel wurde blitzartig Realität. Doch so einfach wird sich das Erfolgsrezept nicht auf iranischen Boden anwenden lassen. «Die Lage dort ist deutlich komplizierter als jene in Venezuela», gab auch US-Aussenminister Marco Rubio am Mittwoch bei einer Anhörung im Senat zu. «Wir wissen auch nicht, was passieren wird, wenn Khamenei weg ist.»

Der amerikanische Aussenminister Marco Rubio ist sich bewusst, dass nach dem Ausschalten des Obersten Führers das Schicksal Irans mitnichten besiegelt ist.

Aaron Schwartz / EPA

In diesem Punkt liegt der grösste Unterschied zum Einsatz in Venezuela. Dieser wurde monatelang geplant, und es war offenbar vorher schon klar, wer die Macht im Land übernehmen wird. «Mit einem präzisen Militärschlag gegen die Spitze des Regimes könnten sich Optionen für einen Wandel in dem Land eröffnen», meint Ramzy Mardini, Forscher an der Stanford University, spezialisiert auf die Einschätzung geopolitischer Risiken. «Aber wer sichert die Strassen, wenn das Regime fällt? Wer sichert die Waffen und die militärischen Anlagen bis hin zu den Atomanlagen? Wer patrouilliert die Grenzen?»

Kann die Islamische Republik überhaupt ohne den Obersten Führer weiter bestehen? «Das Regime ist eigentlich so gebaut worden, um einen Führungswechsel zu bewältigen», räumt Jason Brodsky ein, Mitglied der Iran-Arbeitsgruppe am Atlantic Council. «Als Ruhollah Khomeiny 1989 starb, vermuteten auch viele, dass die Islamische Republik seinen Tod nicht überleben werde.»

Für viele war es überraschend, dass damals der als Aussenseiter gehandelte Khamenei auf den charismatischen Revolutionsführer folgte. Dem neu gekürten Obersten Führer fehlte für das Amt so gut wie alles. Er hatte auch nicht den hohen Kleriker-Rang, um das Amt formal auszufüllen. Allerdings war er 1981 zum Präsidenten gewählt worden und wusste, wie das Land zu führen ist. «Es braucht einen Mann, auf den sich die Macht konzentriert», sagte er wenige Wochen vor seiner Kür als Oberster Führer.

Er bewies sich stets als Überlebenskünstler, er überstand sechs Kerkerstrafen als islamistischer Widerstandsaktivist während der Ära des Schahs, einen Bombenangriff, später eine Krebserkrankung, und er hält sich seit fast vierzig Jahren an der Macht. Seine Heimat hat er nur ein einziges Mal verlassen, 1957, als er in Najaf im Irak kurz studierte. Zu Beginn setzte man im Westen noch Hoffnungen auf ihn. «Als Präsident trat Khamenei als Archetyp eines Mullah-Hardliners auf, aber nun agiert er weniger radikal, will die Kontakte zum Westen wieder erneuern», so formulierte es damals Robert Pear, Sonderreporter der «New York Times».

Miniröcke schlimmer als Bomben

Doch genau das Gegenteil trat ein: Khamenei verwandelte sich in das Oberhaupt eines totalitären Systems, das die Revolutionswächter – seine Leibgarde – beherrschen und das er steuert. Da Khamenei als Aussenseiter keine Hausmacht hatte, förderte er diese Truppen. Eine Symbiose entstand, die paramilitärischen Truppen wurden zum Staat im Staat mit fast 200 000 Mann unter Waffen. Khamenei verwandelte so die Islamische Republik sukzessive in eine Diktatur der Kleriker-Elite, gestützt auf die Brutalität und Selbstbereicherung der Revolutionswächter.

Jegliche Öffnung des Landes wertete Khamenei als Angriff auf seine Utopie der Islamischen Republik. Er war zeitlebens davon überzeugt, im Kriegszustand mit dem Westen zu sein. Kulturell wie militärisch. «Es ist einfacher, unsere Macht mit Miniröcken zu stürzen als mit Bomben», sagte er. So setzte er rigide den Sittenkodex um, verantwortete brutales Vorgehen gegen Frauen, die sich dem Verschleierungszwang zu widersetzen versuchten.

Bei Protesten am 8. und 9. Januar hat das Regime in Teheran wohl Zehntausende Demonstranten getötet.

Getty

Khamenei sah alles, was in Iran passierte, als Angriff von aussen: nicht nur den Krieg gegen Israel und die USA, sondern auch die Proteste im Land, den Aufstand der Frauen, den Aufstand der Unterschicht, die sich das Leben nicht mehr leisten kann. Und um diese Gefahr abzuwenden, sind ihm alle Mittel recht: auch ein Massaker an der eigenen Bevölkerung. Die Schuld dafür schiebt er natürlich auf «Agenten der USA und Israels» ab.

Seine Dogmen paralysierten das Land, das verarmt und isoliert ist. Die Führung investierte Unsummen in Atomprogramme, in die Raketenproduktion und das Sponsoring von Terror in Nahost. «Das Regime ist bankrott, in einer Sackgasse gestrandet und nicht mehr in der Lage, sich zu retten», so lautet das vernichtende Urteil von Ali Vaez, Iran-Experte der Crisis Group: «Doch es hat nicht aufgegeben.»

Die Menschen im Land glauben nicht mehr daran, das Regime selbst besiegen zu können. Ein Angriff der USA, der den verhassten Obersten Führer ins Visier nimmt, ist die letzte Hoffnung der Bevölkerung. Auch auf die Gefahr hin, dass nach Khamenei und seinem Regime chaotische Zustände eintreten.

Doch ob ein Schlag gegen Khamenei allein für einen Regimewechsel ausreichen wird, ist ungewiss. Trump schwebt ein solcher Coup vor allem deshalb vor, weil er nicht in einen grossen Krieg gegen das Regime hineingezogen werden will. Doch dieses Kalkül könnte falsch sein. Der Iran-Experte Brodsky geht davon aus, dass das Regime nur dann nachhaltig beschädigt wird, wenn mehrere politische Schwergewichte verschwänden: Ex-Kommandanten der Revolutionswächter, die zur politischen Machtelite zählen, und vor allem Khameneis zweitältester Sohn Mojtaba.

Der Sohn

Der 56-Jährige gilt als Favorit für die Nachfolge des Vaters als Oberster Führer. Er leitet sein Büro, wo Hunderte Mitarbeiter das Finanzimperium des Obersten Führers verwalten. Hier werden Vermögenswerte von bis zu 200 Milliarden Dollar kontrolliert. Und hier laufen auch die Drähte der Sicherheitskräfte zusammen. An den Khamenei-Sohn berichtet auch der berüchtigte Geheimdienst der Revolutionswächter. Trifft ein Schlag gegen das Regime nur seinen Vater, könnte Mojtaba umgehend übernehmen.

Bereits während des Zwölf-Tage-Krieges mit Iran dachte Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu laut über die Ausschaltung Khameneis nach: «Wenn man den Ayatollah tötet, bedeutet das den Fall des Regimes und ebnet den Weg für eine neue Führung.» Doch schon damals war nicht klar, wer vom Regime die Macht im Land übernehmen könnte – und vor allem, ob der greise Mann an der Spitze des Regimes nicht längst nurmehr Fassade sei.

So hat Khamenei bereits während des Krieges 2025 per Dekret die Entscheidungsgewalt dem Führungsgremium der Armee der Revolutionswächter gegeben und ihnen freie Hand bei sicherheitspolitischen Entscheidungen eingeräumt. Sie betreiben das Atomprogramm, und unter ihrer Führung droht möglicherweise mehr Ungemach als unter der Diktatur der Kleriker, angeführt von Ali Khamenei.

«Man darf sich nicht täuschen lassen. Das Regime der Islamischen Republik ist noch immer militärisch enorm schlagkräftig», betont Barbara Slavin, Iran- und Nahost-Expertin am Stimson Center. Ein Krieg gegen das Regime in Teheran sei gefährlich, vor allem für Israel, sagt Slavin. Daran würde auch ein Nadelstich gegen Khamenei nichts ändern. «Gleich wie er verschwinden wird: gekidnappt, getötet oder wenn er aufgrund seines Alters verstirbt – um ihn herum gibt es mehrere Machtzirkel, die gefestigt sind und den Fortbestand des Regimes sichern.»

Khamenei hat vorgesorgt: Bis zu tausend neue Drohnen sind laut Angaben des iranischen Militärs nun bereit für den Einsatz. Vor allem Irans Revolutionswächter sind am Drücker. In ihrem Arsenal sind zirka 2000 Mittelstreckenraketen, die bis nach Israel reichen und in unterirdischen Anlagen geschützt sind. Dazu verfügen sie über einen beträchtlichen Bestand an Kurzstreckenraketen, die die US-Stützpunkte im Irak und in der Golfregion erreichen können. All das muss Donald Trump in seine Kalkulation einbeziehen.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»