#Wird #Irans #nächster #Revolutionsführer
Der 56-Jährige hat keine Regierungserfahrung und nie ein hohes öffentliches Amt bekleidet. Seinen Einfluss übt er vor allem im Verborgenen aus – mithilfe eines gewaltigen Vermögens.
Öffentlich tritt er nur selten auf: Mojtaba Khamenei, Sohn des iranischen Revolutionsführers Ali Khamenei.
Morteza Nikoubazl / Imago
Dunkle Augen, aufmerksamer Blick, klerikale Tracht: Die Ähnlichkeit ist nicht zu übersehen. Mojtaba Khamenei sieht aus wie eine jüngere Version seines Vaters Ali Khamenei. Anders als der iranische Revolutionsführer, der in allen wichtigen Belangen das letzte Wort hat, zeigt sich dessen Sohn allerdings nur selten in der Öffentlichkeit. Mojtaba Khamenei agiert vor allem im Verborgenen. Dennoch bringt er sich immer wieder als möglicher Nachfolger für das Amt seines Vaters ins Gespräch.
Seit fast vier Jahrzehnten steht der 86-jährige Ayatollah Ali Khamenei an der Spitze der Islamischen Republik. Wer ihm eines Tages als Revolutionsführer nachfolgen könnte, wird innerhalb und ausserhalb des Landes schon seit Jahren diskutiert. Seit dem Zwölf-Tage-Krieg im vergangenen Sommer hat diese Frage an Dringlichkeit gewonnen – offenbar auch für Ali Khamenei selbst. Als der amerikanische Präsident Donald Trump behauptete, er wisse, wo sich der Revolutionsführer verstecke, und damit eine gezielte Tötung Khameneis im Raum stand, wurde dieser aktiv.
Für den Fall seines Todes soll Khamenei drei Nachfolger nominiert haben. Damit will er offenbar dem Expertenrat – einem Gremium aus 88 Klerikern, die den Revolutionsführer ernennen – die Entscheidung erleichtern und einen geordneten Übergang sichern. Um wen es sich bei den drei Kandidaten handelt, ist nicht bekannt. Mojtaba Khamenei gehört offenbar nicht dazu. Ob sein Vater ihn aus Überzeugung oder aus politischer Klugheit nicht vorschlug, ist ungewiss. Fest steht nur, dass die Kandidatur von Mojtaba Khamenei in Iran auf Gegenwind stossen würde.
Der iranische Revolutionsführer Ali Khamenei ist seit fast vier Jahrzehnten an der Macht und hat in allen wichtigen Belangen das letzte Wort.
Wana via Reuters
Ein Immobilienimperium im Ausland
Eine dynastische Herrschaft ist in der Islamischen Republik nicht vorgesehen. Im Gegenteil: Der Erfolg der Islamischen Revolution 1979 basierte vor allem auf der lagerübergreifenden Ablehnung der Monarchie unter Schah Reza Pahlevi. Heute befindet sich das iranische Regime in einem der schwächsten Momente seiner Geschichte. Gleichzeitig wurden bei den Massenprotesten im Januar immer wieder Rufe nach dem exilierten Schah-Sohn Mohammed Reza Pahlevi laut. In dieser Gemengelage könnte die Kandidatur von Mojtaba Khamenei wie ein Brandbeschleuniger wirken.
Dieser Umstand dürfte der politischen Führung in Teheran klar sein. Hinzu kommt ein weiterer Punkt, der gegen Mojtaba Khamenei als künftigen Revolutionsführer spricht: Ende Januar veröffentlichte Bloomberg einen Bericht, nach dem der 56-jährige Sohn des Ayatollah mithilfe von Mittelsmännern ein Immobilienimperium im Ausland steuert. Allem Anschein nach sind zwar keine Vermögenswerte direkt auf Khameneis Namen registriert. Doch die Recherche legt nahe, dass er seit fünfzehn Jahren aktiv an entsprechenden Geschäften beteiligt gewesen ist.
Während die iranische Bevölkerung tagtäglich mit den Folgen der Wirtschaftskrise kämpft und selbst breite Teile der Mittelschicht nicht mehr wissen, wie sie ihre Familien ernähren sollen, hat sich Mojtaba offenbar Luxusimmobilien in London im Wert von weit mehr als 100 Millionen Dollar gesichert. Auch eine Villa in einem exklusiven Stadtteil von Dubai sowie gehobene Hotels in Frankfurt und auf Mallorca sollen zu seinem Portfolio gehören. Das Geld dafür soll grösstenteils aus iranischen Öleinnahmen stammen und über Banken unter anderem in Grossbritannien und der Schweiz abgewickelt worden sein, heisst es in dem Bericht.
Immer mehr Frauen in Iran verzichten auf das Kopftuch – auch aus Protest gegen das iranische Regime.
Abedin Taherkenareh / EPA
Viele Iraner werfen Mojtaba Khamenei Wahlfälschung vor
Diese Enthüllungen dürften Mojtaba Khameneis Ansehen im Volk weiter geschadet haben. Bei seinen Landsleuten konnte er bislang ohnehin nicht gross punkten. Nach den umstrittenen Präsidentschaftswahlen von 2009 warfen ihm Politiker aus dem sogenannten Reformerlager Wahlfälschung zugunsten des ultrakonservativen Mahmud Ahmadinejad vor. Mojtaba Khamenei wird auch vorgeworfen, für die Niederschlagung der folgenden Proteste gegen die Wahl mitverantwortlich zu sein.
Der zweite von insgesamt drei Söhnen von Ali Khamenei gilt als Hardliner. 1969 geboren, wuchs er in der für Schiiten besonders bedeutenden Stadt Mashhad auf. Nur wenige biografische Daten über ihn sind gesichert. Aber anders als seine beiden Brüder, die sich vollkommen auf ihre religiösen Studien konzentrieren, mischt Mojtaba Khamenei in den Schaltzentralen der Politik mit. Nach zwei Jahren Dienst bei den Streitkräften studierte zwar auch er schiitische Theologie in Teheran und Qom. Doch bislang hat keiner der führenden Grossayatollahs Mojtaba Khamenei eine theologische Lehrbefugnis und damit den Rang eines Ayatollah verliehen.
Das wäre eigentlich eine Voraussetzung, um für das Amt des Revolutionsführers infrage zu kommen. «Dass Mojtaba Khamenei innerhalb des schiitischen Systems wahrscheinlich nicht die notwendigen Qualifikationen hat oder womöglich nicht weit genug oben in der Hierarchie ist, stellt vermutlich kein Problem dar», sagt Simon Wolfgang Fuchs, Professor für Nahoststudien an der Hebräischen Universität in Jerusalem. «Auch Ali Khamenei hatte noch nicht die Stufe eines Ayatollahs erreicht, als er zum Nachfolgekandidaten von Ruhollah Khomeiny auserkoren wurde.»
Zum Jahrestag der Islamischen Revolution hält ein Iraner ein Bild von Mojtaba Khamenei in die Höhe.
Abedin Taherkenareh / EPA
Mojtaba Khamenei erfüllt eine Rolle, die es offiziell nicht gibt
Unbestritten ist Mojtaba Khameneis Nähe zu seinem Vater, dem Revolutionsführer – und damit auch zu jenem Geflecht aus Beratern, Klerikern und Sicherheitsleuten, die die Politik bestimmen. Als Ali Khamenei 1989 zum Revolutionsführer aufstieg, war Mojtaba zwanzig. Seither hat er viel gelernt: Netzwerke, Loyalitäten, Hierarchie.
In den 1990er und 2000er Jahren begann Mojtaba Khamenei nach Berichten, Kontakte zu den Revolutionswächtern zu knüpfen – zu jenen Parallelstreitkräften, die heute weite Teile des Staates kontrollieren. Dabei wuchs er offenbar in eine Rolle hinein, die es in der Verfassung gar nicht gibt. «Er ist niemand, der die grosse Bühne sucht», sagt Fuchs. «Er äussert sich auch nicht zu den Gerüchten über seinen Einfluss, der ihm zugeschrieben wird. Das macht ihn zu einer Figur, auf die viel projiziert werden kann.»
Wichtiger als Unterstützung aus dem Volk dürfte für Mojtaba Khamenei ohnehin das Vertrauen sein, das sein Vater offensichtlich in ihn setzt. Diesem half er beim Aufbau und bei der Erweiterung von dessen innerstem Zirkel. Bestand das Büro des Revolutionsführers nach Khomeinys Tod noch aus etwa achtzig Mitarbeitern, stieg deren Zahl in den folgenden drei Jahrzehnten auf das Fünfzigfache. Mojtaba Khamenei soll vor allem mit den zahlreichen Geheimdiensten und dem Propagandaapparat verbunden sein. Keine schlechte Voraussetzung also, um doch noch eines Tages Revolutionsführer zu werden. Sollte ihm das nicht gelingen, dürfte er für seinen Ruhestand genug Geld beiseitegeschafft haben.
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