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Zwei Luftwaffenoffiziere halten den F-35 weiterhin für das richtige Kampfflugzeug für die Schweiz. Gleichzeitig sagen sie mit Blick auf die heutige Ausrüstung der Armee: «Es fehlt an fast allem.»
Die Patrouille Suisse überfliegt während einer Übung einen F-35 der italienischen Luftwaffe auf dem Militärflugplatz Emmen.
Christoph Ruckstuhl / NZZ
Herr Hulliger, Herr Pardo, in der «NZZ am Sonntag» schrieben kürzlich ein Militärexperte und ein Luftwaffenoffizier, die Schweizer Luftverteidigung solle aus mehreren Flugzeugtypen bestehen, die auch im Ausland stationiert würden. Sie kritisieren diesen Vorschlag. Warum?
Pardo: Zunächst ist wichtig festzuhalten: Dieser Gastkommentar gibt nicht die Mehrheitsmeinung der Luftwaffenoffiziere wieder – im Gegenteil. Die Wahrung der Lufthoheit ist eine staatliche Kernaufgabe. Sie lässt sich nicht an andere Länder delegieren. Die Schweiz muss hier selbst Verantwortung übernehmen. Für uns ist klar: Der F-35 ist dafür das richtige System. Als Mehrzweckkampfflugzeug vereint er Jagd-, Erdkampf- sowie Aufklärungsfähigkeiten und ist optimiert für die elektronische Kriegsführung – genau das, was eine moderne Luftwaffe benötigt.
Hulliger: «F-35-Fiasko» heisst es jedoch im Kommentar. Diese Zuspitzung entbehrt jeglicher Grundlage. Kostenüberschreitungen sind in der militärischen Luftfahrt keine Seltenheit. Abgesehen von der Diskussion um den Kaufpreis verläuft das Beschaffungsprojekt planmässig. Von einem Fiasko kann keine Rede sein.
Zur Person
Über vier Jahrzehnte bei der Luftwaffe
Hans-Peter Hulliger ist ehemaliger Pilot, ETH-Ingenieur und war 42 Jahre lang für die Schweizer Luftwaffe tätig. In dieser Zeit war er unter anderem Projektleiter des Luftraumüberwachungssystems Florako. Heute ist er im Ruhestand und als Oberst ausser Dienst Mitglied der Avia, der Gesellschaft der Offiziere der Luftwaffe.
Allerdings hat das Verteidigungsdepartement jahrelang betont, den F-35 gebe es zum Fixpreis.
Pardo: Als Jurist könnte ich seitenlange allgemeine Semantik-Abhandlungen darüber verfassen, was das Wort «Fixpreis» bedeuten kann. Fakt ist jedoch: Die konkreten Vertragsbedingungen sind nicht öffentlich bekannt.
Hulliger: Hinzu kommt, dass die Schweiz mit Rüstungskäufen in den USA bislang sehr gute Erfahrungen gemacht hat – über sogenannte Foreign Military Sales, kurz FMS. So wurden etwa die heute noch eingesetzten F/A-18 oder die F-5 Tiger, mit welchen die Patrouille Suisse fliegt, beschafft. In all diesen Fällen erhielt die Schweiz die besten Konditionen der US-Regierung. Der Vorteil von FMS-Geschäften liegt darin, dass mehrere Staaten dasselbe System kaufen und kleinere Länder von Skaleneffekten profitieren. Im aktuellen Fall kommt jedoch erschwerend hinzu, dass der Krieg in der Ukraine die Rohstoffpreise massiv in die Höhe getrieben hat. Das hat zu den Mehrkosten geführt.
Nicht nur die Mehrkosten sorgen für Kritik. Politisch wächst auch das Unbehagen gegenüber der Trump-Administration. Beschäftigt das die Offiziere der Luftwaffe nicht?
Pardo: Nein, denn wir wissen: Regierungen kommen und gehen. Die Einführung und der Betrieb eines Kampfflugzeugs hingegen erstrecken sich über Jahrzehnte. Darauf richten wir unseren Fokus. Der Beschaffungsvertrag zwischen der Schweiz und den USA wurde noch unter der vormaligen US-Administration unterzeichnet. Auch die derzeitige amerikanische Regierung hält daran fest, der Schweiz die neueste Version des Flugzeugs zu liefern. Das Unbehagen ist somit unbegründet.
Zur Person
Der Präsident der Luftwaffenoffiziere
Jorge V. Pardo ist Milizoberst und Präsident der Avia. Damit vertritt er alle Fachrichtungen der Schweizer Luftwaffe: Flugzeuge, bodengestützte Luftverteidigung, aber auch Unterhalt oder Logistik. Zudem ist er Jurist und Geschäftsführer des Verbands Schweizer Flugplätze.
Dennoch ist auch immer wieder die Rede von einem sogenannten «Kill Switch» – also der Möglichkeit, dass Washington die Jets im Ernstfall am Boden hält.
Hulliger: Das ist Unsinn. Auch bei der F/A-18 nutzen wir amerikanische Technologie. Fällt etwa das GPS aus, verfügen wir über Back-ups, um weiterhin navigieren zu können. Ähnlich wird es beim F-35 sein. Der frühere Luftwaffenkommandant Peter Merz hat mehrfach erklärt, dass die Schweiz die Flotte für sechs Monate autonom betreiben könnte. Danach würde es schwierig – weil man langfristig auf Ersatzteillieferungen angewiesen ist.
Laut Fachzeitschriften sind die F-35 jedoch oft nicht einsatzbereit. Bei den US-Streitkräften liegt die Verfügbarkeit im Schnitt bei lediglich rund 50 Prozent.
Hulliger: Das hat vor allem damit zu tun, dass die USA selbst nur begrenzte Ersatzteilbestände für ihre F-35 halten. Anders ist die Situation etwa in Israel: Dort liegt die Einsatzbereitschaft bei rund 90 Prozent, weil man von Beginn an auf einen eigenen Grundstock an Ersatzteilen bestanden hat. Dieses Modell plant auch die Schweiz.
Der Verteidigungsminister Martin Pfister prüft derzeit, ob eine zweite Flotte aus europäischer Produktion sinnvoll wäre. Wie beurteilen Sie diesen Ansatz?
Pardo: Wir begrüssen grundsätzlich immer, wenn Varianten geprüft werden. Aus wirtschaftlicher Sicht spricht allerdings vieles für eine Einheitsflotte: Man benötigt nur ein Logistiksystem, eine Prüf- und Wartungsinfrastruktur sowie Simulatoren für einen Flugzeugtyp. Gleichzeitig ist klar: Gibt es ein gravierendes technisches Problem, steht im schlimmsten Fall die gesamte Flotte am Boden. Redundanzen sind deshalb sinnvoll – sofern man sie sich leisten kann.
Hulliger: Man muss sich jedoch bewusst sein, dass alle europäischen Alternativen technologisch weniger weit entwickelt und in der Beschaffung teurer sind als der F-35. Das wurde im Evaluationsprozess geprüft und gilt in Fachkreisen als unbestritten.
Was, wenn auch die Betriebskosten des F-35 steigen, wie Kritiker warnen?
Hulliger: Wer pauschal behauptet, es werde zwangsläufig teurer, macht aus meiner Sicht eine unqualifizierte Aussage. Ich war über vierzig Jahre für die Luftwaffe tätig und kenne die Kostenstrukturen von Kampfflugzeugen entsprechend gut.
Im Dezember gab der Bundesrat bekannt, dass weniger als die ursprünglich geplanten 36 F-35 beschafft werden könnten. Und kürzlich erklärte die Landesregierung, man richte die Armee auf die wahrscheinlichsten Szenarien aus, also hybride Gefahren und Luftverteidigung. Wie beurteilen Sie das?
Hulliger: Eine Armee muss sich an den gefährlichsten Szenarien orientieren – nicht an den bequemsten oder wahrscheinlichsten. Die Luftwaffe hat schon vor Jahren dargelegt, was das bedeutet: Im Verteidigungsfall besteht ein Bedarf von 50 bis 70 Kampfflugzeugen. Die 36 geplanten Jets sind bereits das absolute Minimum.
Pardo: Der Krieg in der Ukraine zeigt, dass nicht nur die Qualität, sondern auch die Menge verfügbarer Systeme entscheidend ist. Dieser Konflikt mag gefühlt weit entfernt sein, doch mit den Möglichkeiten der heutigen Kriegsführung ist er es faktisch nicht. Wir müssen uns auf den schlimmsten Fall vorbereiten.
Der Bundesrat schlägt vor, die Mehrwertsteuer um 0,8 Prozentpunkte zu erhöhen für die Armee und zivile Sicherheitsorgane. Im Parlament gilt dieser Vorschlag jedoch bereits als chancenlos.
Pardo: Die Finanzierung der Armee ist Aufgabe von Bundesrat und Parlament. Als Armeeangehöriger kann ich nur festhalten, was eigentlich bekannt ist: Derzeit könnten wir lediglich rund einen Drittel der Soldatinnen und Soldaten vollständig ausrüsten. Es fehlt an Waffen, an Munition – eigentlich an fast allem. Ich habe dementsprechend Mühe zu verstehen, wie der verfassungsmässige Auftrag der Landesverteidigung derart wenig ernst genommen werden kann.
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