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Prix de Soleure für «Qui Vit Encore»: Wo ist die Hamas?

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Zwei aktuelle Filme über den Gaza-Krieg und seine Folgen setzen auf emotionale Nähe und individuelle Tragödien. Was «Qui Vit Encore» und «The Voice of Hind Rajab» dabei systematisch umschiffen, ist die Rolle der Hamas.

«Qui Vit Encore» erzählt bewegende Geschichten von der verlorenen Heimat Gaza.

First Hand Films

Das «Narrativ» bildet die Klammer, die sich dieses Jahr thematisch um die Solothurner Filmtage legte. Bereits der Eröffnungsfilm hiess «The Narrative», er setzte dem medialen Bild des unverantwortlichen Bankers Adoboli dessen eigene Erzählung entgegen. Auch «Qui Vit Encore», der Gewinner des mit 60 000 Franken dotierten Prix de Soleure, erzählt dezidiert von einem keineswegs unvoreingenommenen Standpunkt aus.

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Neun aus Gaza geflohene Menschen vereint der Dokumentarfilm des Genfers Nicolas Wadimoff in einem dunklen Raum. Erst auf einem Tisch, später auf dem schwarzen Boden sind mit weisser Farbe viereckige Umrisse eingezeichnet. Rudimentäre Karten von Gaza, auf denen sich die ehemaligen Bewohner bewegen und über diesen Bezugspunkten von einem verlorenen Paradies erzählen. Cafés, in denen sie gesessen, Orte, an denen sie gearbeitet, Wohnungen, wo sie gelebt und geliebt haben.

Der Bombenhagel wird Schicksal

Die Skizze wird zur Leerstelle, dunkel lässt sich erahnen, wie viel zerstört wurde im Krieg. Im Anschluss an diese Nachstellung folgen Interviews, auch hier vor symbolisch schwarzem Hintergrund, in denen die Protagonisten ihre Fluchterfahrungen vertiefen: Ungewissheit, Angst, Panik. Familie und Freude, die reihenweise getötet wurden. Vielfach wird weinend das Herz beschworen, das das Grauen nicht mehr ertragen kann. Und die Hoffnung, die tragen muss, weil sonst nichts mehr bleibt.

Ihre Geschichten gehen emotional nahe, sie sind wichtig, es ist reales Leid. Aber sie haben eine entscheidende Leerstelle: In knapp zwei Stunden bleibt ein Akteur völlig unbenannt – die Hamas. Kein Wort über die Verursacher des Krieges, keine Andeutung über die politische Führung im Gazastreifen. «Der schlimmste Tag» sei «der 13. Oktober» gewesen, sagt einer. Was zuvor passiert ist, als die Terroristen unter dem Jubel der Bevölkerung die geschundenen israelischen Geiseln öffentlich präsentierten, wird verschwiegen.

Die politische Kontextlosigkeit ist frappant: Die Bomben fallen, als ob es unabänderliches Schicksal wäre, dass sie fallen. Exakt für diese realpolitische Entrücktheit zeichnete die Jury in ihrer Begründung den Film aus: «Er schafft einen Kontext fernab vom Kriegsschauplatz, um ein besseres Verständnis für die physische Zerstörung und die menschlichen Opfer zu vermitteln.» Die Frage nach dem «Warum?» muss bei diesem Verständnis offenbleiben.

Kollektiver Rettungsversuch für ein gefangenes Kind: «The Voice of Hind Rajab».

Mime Films / Tanit Films

Mit ähnlich emotionalisierenden Mechanismen operiert ein anderer Film, der an den Filmfestspielen in Venedig die Gemüter spaltete und nun im Kino läuft: «The Voice of Hind Rajab». In diesem dokumentarischen Spielfilm wird die originale Aufnahme der Stimme von Hind Rajab zum Hauptakteur. Die fünfjährige Palästinenserin war 2024 in einem Auto mitten im Kriegsgebiet eingesperrt, ehe sie im Kugelhagel starb. Bis heute verweigert die israelische Armee die Aufklärung ihres Todes.

Die tunesische Regisseurin Kaouther Ben Hania, die zuvor den differenzierten «Les filles d’Olfa» über Islamismus gedreht hat, fokussiert vollständig auf das individuelle Drama: den herzzerreissenden Rettungsversuch der Mitglieder des Roten Halbmonds, die mit dem Kind stundenlang telefonisch in Kontakt stehen. Der Film ist eine einzige suggestive Anklage: Der Täter steht von vornherein ebenso fest wie die eigene Haltung dazu – welchen Unmenschen würde das Schicksal des kleinen Mädchens schon kaltlassen?

Keinerlei Wut gegen die Hamas

Das Narrativ, das beide Filme bedienen, baut aus persönlichen Schicksalen eine sakrosankte Opfererzählung. Diese macht klar, wo die Verantwortlichkeit für sämtliche Nöte der Palästinenser zu verorten ist: ausschliesslich bei Israel. Dabei finden sich selbst in Gaza Mutige, die die Hamas für das Elend verantwortlich machen, die trotz Repression gegen die islamistischen Herrscher demonstrieren. Doch die Exilanten im Dok-Film richten ihre Wut und Verzweiflung nicht gegen den Todeskult aus den eigenen Reihen.

Die Instrumentalisierung von Leid immunisiert gegen Kritik. Bei den Emotionen haltzumachen, heisst auch: keinen Raum für Ambivalenzen zu lassen. Das Publikum wird gnadenlos in die Empathiepresse gespannt. Der Philosoph Emmanuel Lévinas nannte das Leid «sinnlos». Er meinte damit nicht, dass es keinen Wert hätte, sondern dass aus dem Leid stets eine Verpflichtung folge. Auch die palästinensische Seite und ihre westlichen Unterstützer können sich nicht nur auf reine Unschuld berufen. Und Betroffenheit allein macht noch keine starken Preisträger.

Qui Vit Encore: Ab dem 5. Februar im Kino (114 Minuten).

The Voice of Hind Rajab: Im Kino (90 Minuten).