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Geldverschwendung droht nicht auf der A 1, sondern im Berg

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Rot-grüne Verkehrsverbände teilen gegen Albert Rösti aus: Weil der Bundesrat keinen Marschhalt beim Autobahnausbau vorsehe, ignoriere dieser den Volkswillen. Sie betreiben damit Realitätsverweigerung.

Der Bundesrat will deutlich mehr Geld in die Bahninfrastruktur investieren als in die Autobahnen.

Boris Bürgisser / CH Media

Viel für die Bahn, eher wenig für die Strasse: So lassen sich die Pläne des Bundesrats zur «Bewältigung der künftigen Mobilitätsbedürfnisse» zusammenfassen, die Verkehrsminister Albert Rösti am Mittwoch präsentiert hat. Am deutlichsten zeigt sich das bei den zu erwartenden Kosten: Bis 2045 sollen nicht weniger als 24 Milliarden Franken in die Bahninfrastruktur fliessen. Beim Strassenausbau dagegen will die Regierung bloss Projekte im Umfang von 11 Milliarden Franken realisieren.

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Ein Grund dafür ist zweifellos, dass der Bund nur für die Infrastruktur der Nationalstrassen zuständig ist, bei der Bahn aber für das gesamte Netz. Trotzdem ist die Zurückhaltung bemerkenswert, die Rösti, der früher der Cheflobbyist der Autoimporteure war, beim Strassenausbau an den Tag legt.

Der Verkehrsminister hat aus der Niederlage an der Urne die richtigen Schlüsse gezogen. Im November 2024 lehnte die Stimmbevölkerung den Ausbau von sechs Autobahnabschnitten ab und fügte ihm die bisher grösste Niederlage in seiner Amtszeit zu. Indem er sich einstweilen aufs Nötige beschränkt, will Rösti ein weiteres Debakel an der Urne tunlichst vermeiden.

Zwei Projekte aus dem Ausbaupaket – die Spurerweiterungen der A 1 vor Nyon und vor Bern – lässt der Bundesrat fallen. Die restlichen abgelehnten Projekte schiebt Rösti einstweilen auf die lange Bank. Sie werden in der nächsten Botschaft nicht aufgenommen und sollen frühestens 2032 wieder zum Thema werden. Stattdessen nimmt der Bundesrat zwei neue Projekte auf, mit denen die A 1 auf sechs Spuren ausgebaut wird: eines im Aargau und eines in der Region Genf.

Demokratiepolitisch ist das ebenso richtig wie clever. In den grossen Ballungszentren gibt Rösti der Bahn den Vorzug gegenüber der Strasse. Im Grossraum Zürich etwa verzichtet er auf den Bau der Glatttal-Autobahn. Stattdessen sollen Milliarden in die dortige Schieneninfrastruktur fliessen. Zusätzlich dünnt Rösti die Liste der geplanten Autobahnausbauten radikal aus: Dreissig Projekte werden ersatzlos gestrichen. Er versenkt damit Projekte mit einer Investitionssumme von 18 Milliarden Franken.

Mit dieser Sparübung kommt Rösti dem rot-grünen Lager weit entgegen. Doch das hindert linke Verkehrs- und Umweltverbände nicht daran, Rösti vorzuwerfen, das Volksverdikt zu ignorieren. Weil dieser nicht ganz auf den Ausbau von Autobahnteilstrecken verzichtet, spricht der Verkehrsclub der Schweiz (VCS) von einem «Affront gegenüber der direkten Demokratie», einer «gefährlichen Weichenstellung auf Kosten künftiger Generationen» und einer «Geldverschwendung».

Die Vehemenz, mit der der Verband austeilt, ist entlarvend. Ihm ist offenbar nicht daran gelegen, die Verkehrsblockade zu überwinden und Hand zu bieten für einen Kompromiss, bei dem die Planung der beiden Verkehrsträger intelligent aufeinander abgestimmt wird. Stattdessen werden Strasse und Schiene gegeneinander ausgespielt und der motorisierte Verkehr dämonisiert.

Von den linken Verbänden nicht mit einem Wort erwähnt wird stattdessen ein Bahnprojekt, das tatsächlich zu einem teuren Fehlentscheid werden könnte: Der Grimseltunnel, der das Berner Oberland mit dem Wallis verbinden soll. Nicht weniger als 800 Millionen Franken kostet das Tunnelprojekt, bei dem auch eine Stromleitung verlegt wird. Schon jetzt ist absehbar, dass die Linie nie eigenwirtschaftlich betrieben werden kann – auch weil fraglich ist, ob auf der Strecke die Nachfrage genügend sein wird, und weil nur vage von Touristenzügen von Luzern nach Zermatt oder St. Moritz die Rede ist.

Mit dem Entscheid für diesen Tunnel gibt Albert Rösti ausgerechnet jenen Kritikern aus der eigenen Partei recht, die ihm vorwerfen, er wolle sich damit ein Denkmal schaffen. Die eigentliche Geldverschwendung droht nicht auf der A 1, sondern im Berg.

ich begreife nicht wieso man nicht endlich die auffallendsten Lücken im Autobahnnetz schliesst, zb Hirzel oder ZH-Oberland. Es gibt wohl noch mehr.

Hanspeter Vogel

4 Empfehlungen

Es ist unbestritten, dass die Fahrzeit zwischen dem oberen Goms (1100 Einwohner) und dem Haslital (6000 Einwohner) durch die Grimselbahn verkürzt würde. Die lokale Verkehrsnachfrage zwischen diesen nicht komplementären Gebieten ist aber klein. Schon ab dem Verkehrsknoten Spiez bringt der Grimseltunnel kaum Fahrzeitverkürzungen (Basis: Fahrplangraphiken Faktenblatt Grimselbahn AG vom 20. 9. 2018 und Kursbuch):

Von Spiez nach Obergoms* Fiesch Andermatt Biasca Locarno ohne Grimselbahn 1 h 50 min 1 h 20 min 2 h 28 min 3 h 45 min 3 h 20 min mit Grimselbahn 1 h 55 min 2 h 30 min 2 h 45 min 4 h 10 min 4 h 50 min
*) Fahrzeiten für Ulrichen

Es ist deshalb kaum mit dem von den Tunnelbefürwortern erwarteten durchschnittlichen Verkehrsaufkommen von 38 Reisenden pro Zug zu rechnen, zumal die Route via Grimseltunnel landschaftlich wesentlich weniger attraktiv wäre als die Fahrt über die BLS-Bergstrecke (Thuner- und Brienzersee plus endlose und nur kurz unterbrochene Tunnelstrecke bis Realp gegenüber Kandertal, Lötschberg-Südrampe und Fahrt durchs ganze Goms). Nutzen und Erträge der Bahn wären nahe null und die Kosten pro Personenkilometer immens.

Jeder normale Mensch investiert dort, wo der volkswirtschaftliche Nutzen (monetarisierte Fahrzeitverkürzung mal Anzahl Passagiere) am grössten ist. Das ist zwischen den grossen Zentren und entlang wichtiger Achsen der Fall. Auch dort sollte man aber ein in sich stimmiges und aufwärtskompatibles Konzept haben. Das war vor 35 Jahren im UVEK der Fall. Heute leider nicht mehr.

Die Träumereien von durchgehenden Schmalspurzügen mit Fahrzeiten von mehr als 10 Stunden beruhen auf einer Unkenntnis der technischen Voraussetzungen (unkompatible Systeme, nicht bloss beim Zahnrad) und insbesondere des Marktes.