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Das Gebäude der Freimaurer auf dem Lindenhof hat in der Nacht auf Montag gebrannt. In Zürich haben die Freimaurer eine lange Tradition. Ein seltener Blick in die Tempel am Lindenhof.
Jeden Abend erklimmen Männer in schwarzen Anzügen die steilen Treppen hoch zum Lindenhof inmitten der Zürcher Altstadt. Sie schreiten unter den Lindenbäumen vorbei am Brunnen mit dem Denkmal von Hedwig ab Burghalden zu einem unscheinbaren Haus. Tagsüber sind diese Männer Ärzte, Juristen und Handwerker, selten sind sie jünger als vierzig Jahre alt. Nur das Klingelschild verrät, warum es sie beim Eindunkeln in dieses Haus zieht: Das Haus mit der Adresse Lindenhof 4 ist das Haus der Zürcher Freimaurerloge.
Wenige bekommen den Lindenhof 4 von innen zu sehen. Auch nicht Journalisten – es sei denn, sie seien selbst Freimaurer. Denn die Freimaurer bleiben gerne unter sich. Die «Modestia cum Libertate» ist die älteste unter den acht Zürcher Freimaurerlogen und mit 130 Mitgliedern die grösste von ihnen. Ausnahmsweise, zu ihrem 250-Jahr-Jubiläum, öffnet sie die Tür für eine Aussenstehende.
Weltweit gibt es die Bruderschaft der Freimaurer seit über 400 Jahren. Zuerst waren es Steinmetze, die ihr Fachwissen für sich behalten wollten. Heute finden sich Logen, wie sich die einzelnen Gruppierungen nennen, auf der ganzen Welt. In der Schweiz gibt es 6000 Freimaurer in 80 Logen, vereint unter der Grossloge «Alpina». Frauen sind hier keine zugelassen.
Die Namen ihrer Mitglieder und ihre Rituale behalten die Freimaurer für sich. Ihre Geheimniskrämerei und ihre weltweite Vernetzung haben im Lauf der Geschichte immer wieder Verschwörungstheorien befeuert: Ihnen wurde die Unterwanderung der Staatsmacht oder die Kontrolle des globalen Finanzwesens nachgesagt. Ihr Symbol – das Auge in der Pyramide – wurde zum Synonym einer grossen, angeblichen Weltverschwörung.
Wie kommt es, dass ein Verein, dem schon Mark Twain, Wolfgang Amadeus Mozart oder Winston Churchill angehört haben, für Männer heute relevant ist?
Der Alt-Stuhlmeister Daniel Hofer führt durch den Tempel.
Der esoterische Lobbyist
Daniel Hofer führt mit aufrechtem Rücken und zügigen Schritten durch die verwinkelten Gänge des Lindenhof 4. Er kennt die Loge gut, seit 15 Jahren ist er Mitglied. Einst war er gar Vorsitzender der Modestia, hütete die geheimen Rituale und Gesetze der Loge. Unter den Freimaurern nennt sich dieser Posten «Meister vom Stuhl».
Von Beruf ist er Präsident der Erdölvereinigung «Avenergy Suisse». Hofer erzählt, er habe schon immer eine esoterische Ader gehabt. Er sei neugierig gewesen, als er sich an die Freimaurer gewandt habe. Hofer durchlief den aufwendigen Aufnahmeprozess mit langen Bewerbungsgesprächen und schwor mit der Hand auf der Bibel, die Geheimnisse der Freimaurer zu hüten. Hofer ist wegen der intellektuellen und spirituellen Inspiration geblieben, aber auch wegen der Kameradschaft unter den Freimaurern.
Die Mauern des Lindenhof 4 sind eng und niedrig, mancherorts bröckelt der Verputz. An den Wänden hängen Porträts in verzierten, goldenen Rahmen, die Männer auf den Bildern tragen v-förmige Schärpen bestickt mit dem Pyramidenauge. Alles Freimaurer, bemerkt Daniel Hofer im Vorbeigehen.
Die «Modestia cum Libertate» soll die älteste Loge in Zürich sein. Ihr Wappen zeigt zentrale Symbole der Freimaurer wie den unbehandelten Stein oder das Winkelmass.
Die Freimaurer hätten kein Dogma, sagt Daniel Hofer. Jeder könne über die Bedeutung des Zirkels selbst entscheiden.
Der geschnitzte Totenkopf auf einem Zeremonienstock aus dem 18. Jahrhundert ist ein Vermächtnis eines Freimaurers.
Die Freimaurer hätten kein Dogma, sagt Daniel Hofer. Jeder könne über die Bedeutung des Symbols selbst entscheiden. Der geschnitzte Totenkopf auf einem Zeremonienstock aus dem 18. Jahrhundert ist ein Vermächtnis eines Freimaurers.
Vor einem der vielen Kunstwerke hält Hofer inne. Es reicht vom Boden bis zur Decke und zeigt, wie sich Mond, Sonne und Steinbrocken um ein «G» in der Mitte ranken. Dieses Bild zeige alle Symbole der Freimaurer, doch bei der Erklärung bleibt Hofer vage: «Die Freimaurer haben kein Dogma. Was ein Symbol bedeutet, kann jeder selbst entscheiden.»
Beim Gang durch die Loge am Lindenhof wird eines klar. Die Freimaurer mögen organisiert sein wie jeder andere Verein, ein normales Klubhaus ist die Loge trotzdem nicht. Hofer scheint auf jede Frage vorbereitet, doch er behält für sich, was für Aussenstehende geheim bleiben soll.
Warum so geheimnisvoll?
Warum all die Geheimniskrämerei? Hofer hat seine Theorien. Es könnte Selbstschutz sein. Die Freimaurer haben nicht vergessen, dass die Nationalsozialisten 1933 die Freimaurerei wegen ihrer vermeintlichen Verbindungen zum Judentum verboten hatten. Die Schweiz stimmte 1937 darüber ab, ob die Freimaurerei verboten gehörte. Das Volk lehnte die Initiative zwar mit 69 Prozent ab, danach habe man aber die Bruderschaft schützen wollen.
Doch die Verschwiegenheit der Freimaurer geht viel weiter zurück. Die Hüttenbauer, aus welchen später die Freimaurer hervorgingen, waren bereits verschlossen. Sie teilten ihr Wissen über geometrische Gesetze nur untereinander und erfanden Symbole und Geheimschriften, um diese Geheimnisse vor fremden Augen zu schützen. Diese Symbole wie den Winkel oder Zirkel verwenden die Freimaurer heute in ihren Zeremonien.
Die Freimaurer gingen in der Vergangenheit weit, um ihre Geheimnisse zu wahren. 1826 etwa verschwand ein Steinmetz namens William Morgan aus einem Gefängnis in New York. Er hatte sich in eine lokale Freimaurerloge eingeschlichen und drohte, ihre Praktiken zu enthüllen. Die lokalen Logen waren erzürnt, und es wurde gemunkelt, dass sie ihn mithilfe einer Täuschung aus dem Gefängnis holten und mit einer Kutsche nach Nordosten brachten. Morgans Spuren verschwanden irgendwo nach Fort Niagara.
Hofer erklärt, dass heute die Lehren der Freimaurer bekannt seien. Viele, auch Freimaurer, hätten bereits darüber geschrieben. Doch die Zeremonien, durch die dieses Wissen an die Lehrlinge vermittelt wird, sollen geheim bleiben. Hofer sagt: «Die Zeremonie ist wie ein Schauspiel, das jedes Mal gleich aufgeführt wird.» Würde jeder Lehrling das Schauspiel kennen, so würde er nichts mehr lernen.
Und warum sagen sie nicht, wer ihre Mitglieder sind? Hofer winkt ab: Das mache ein lokaler Golfklub auch nicht. «Wir sind ein normaler Verein mit esoterischem Flair.» Doch vom lokalen Golfklub kennt man immerhin den Präsidenten und den Vorstand, auf seiner Website findet sich meist ein Foto der Generalversammlung. Bei der «Modestia» ist das nicht der Fall.
Diskussion über alles ausser Politik
Hofer öffnet die hölzerne Tür zum prächtigen Bankettsaal im alten Teil des Lindenhof 4. Hier treffen sich die Brüder der «Modestia» jeden Dienstagabend und lauschen unter den Bildern von Platon und Sokrates Vorträgen über Philosophie, Religion und darüber, wie sich der Mensch gegenüber dem Schöpfer zu verhalten hat. Nur Politisches ist tabu. Manchmal werden externe Referenten wie ein katholischer Abt oder ein Rabbiner eingeladen. Danach versammeln sich die Herren der Logen im Festsaal nebenan, um zu essen, zu rauchen und vor allem zu diskutieren.
Unter Platon und Sokrates wird über alles Mögliche diskutiert. Nur die Politik ist tabu.
Die Freimaurerei ist keine Religion, sondern eher eine Lebensschule. Durch die Vorträge und Diskussionen soll der moralische Charakter ihrer Brüder «veredelt» werden, damit sie die humanitären Prinzipien der Aufklärung in die Welt tragen. Sie glauben an die Schöpfung durch den «Baumeister», aber Männer jeder oder keiner Religion sind willkommen.
Die Freimaurer mögen nicht über Politik diskutieren, doch sie haben die Verfassung der Schweiz geprägt. Das Zweikammersystem und die Aufgabenteilung zwischen National- und Ständerat sind der amerikanischen Verfassung nachempfunden, die selbst stark durch Freimaurer wie George Washington, Ben Franklin oder John Marshall mitgeschrieben wurde. Auch die Gewaltentrennung und die Wahrung der Menschenrechte wurden von Freimaurerlogen gefordert.
Dass diese Forderungen Gehör fanden, dürfte daran liegen, dass Jonas Furrer, der erste Bundespräsident der Schweiz und einer der bedeutendsten Politiker für den Schweizer Bundesstaat, ein Bruder der Winterthurer Loge «Akazia» war. 1844 gründete er die Schweizer Grossloge «Alpina »mit.
Die Freimaurerei ist grundsätzlich in zwei Grosslogen geteilt. Die «Modestia cum Libertate» etwa richtet sich nach der «Ersten Grossloge von England», die über sich sagt, die älteste der Welt zu sein. Sie grenzt sich von der Grossloge «Grand Orient de France» ab. Offiziell begründet wird dies dadurch, dass die «Grand Orient» politische Diskussionen in den Logen zulässt, was bei der englischen ein grosser Fauxpas wäre.
Zudem erkennt die «Grand Orient» auch Frauenlogen und gemischtgeschlechtliche Logen an. Weil die «Modestia» Teil der englischen Tradition ist, hat sie keine weiblichen Mitglieder. Der Besuch der anderen Logen, welche von der «Grand Orient» anerkannt sind, ist den Brüdern der «Modestia» streng untersagt. Dabei ist die nächste Frauenloge nicht weit: An der Falkenstrasse hat sie ihren Tempel.
Die Logen der «Grand Orient» würden die Brüder der «Modestia» begrüssen, aber nicht umgekehrt. Daniel Hofer sagt: «Ich glaube, die Trennung an sich hatte weniger mit der Geschlechterfrage zu tun als mit lächerlicher politischer Rivalität.» Trotzdem interessiere er sich nicht für die französische Loge. Persönlich kenne er niemanden.
Esoteriker mit Immobilienportfolio
Die «Modestia» verfügt über einen ansehnlichen Immobilienbesitz: Ihr gehört das ganze unter Denkmalschutz stehende Lindenhof-Geviert zwischen Strehl-, Pfalz- und Wohllebgasse bis hinunter zur Schipfe. Acht andere Freimaurerlogen sind bei ihr zur Miete. Jeden Abend tagt eine von ihnen.
Die «Modestia» dürfte durch die Vermietung an die anderen Logen sowie durch die Restaurants und Läden im Lindenhof-Viertel einige Millionen Franken im Jahr einnehmen, doch die Freimaurer sprechen nicht gerne über die Finanzen. Hofer verrät nur, dass dieses Einkommen den Unterhalt der denkmalgeschützten Loge und die wohltätige Arbeit der Freimaurer in Zürich finanziere.
Daniel Hofer erzählt von der wohltätigen Arbeit der «Modestia», etwa durch Nachhilfe für Kinder mit Migrationshintergrund. «Wir helfen dort, wo jemand zwischen Stuhl und Bank fällt.» Jährlich spendet die Loge «einen tiefen sechsstelligen Betrag», beziffert Hofer zögerlich. Zur Feier des 250-Jahr-Jubiläums habe die «Modestia» 250 000 Franken der Stiftung für Menschen mit seltenen Krankheiten gespendet, was eine aussergewöhnlich grosszügige Spende gewesen sei.
Zahlreiche soziale Einrichtungen wie das Zürcher Brockenhaus, vor hundert Jahren von der «Modestia cum Libertate» gegründet, oder das Altersheim Perla Park in Zürich sind über Stiftungen noch immer mehrheitlich im Besitz von Freimaurern. Beide sind heute finanziell unabhängig.
Das wenige Licht im Tempel stammt von den goldenen Wandleuchten und Bleiglasfenstern.
Die Brüder der «Modestia» zahlen jährlich einen Mitgliederbeitrag von 835 Franken. Der Mitgliederbeitrag finanziere den Betrieb wie bei jedem anderen Verein, sagt Daniel Hofer. Der Lindenhof 4 beschäftigt ein Wirte- und Hausmeisterpaar
Die Welt im Labor
Daniel Hofer führt zum Herzen der Loge, dem Tempel, der tief unter dem ältesten Teil des Lindenhof 4 liegt. Zehnmal im Jahr werden dort die mysteriösen Zeremonien abgehalten. Manche sind nur für die Meister, an anderen dürfen auch Lehrlinge teilnehmen. Auswärtige bekommen den Tempel fast nie zu sehen.
Wer unter dem Torbogen über das schwarz-weisse Plättchenpflaster tritt, findet sich in einem Raum mit blau verkleideten Wänden und blau gepolsterten Bänken wieder. Gegenüber dem Eingang steht ein blau verkleidetes Podium, darüber prangt das Wort «Justitia» in goldenen Buchstaben an der Wand. Das wenige Licht stammt von goldenen Wandleuchten und Bleiglasfenstern, welche die Sonne und den Mond abbilden. An der gewölbten Decke schimmern goldene Sternenbilder.
Ein seltener Blick in den Tempel im Untergeschoss des Lindenhof 4.
Im Tempel ist es kühl. In Beförderungsritualen, die bis ins Mittelalter zurückgehen, steigen hier Lehrlinge zu Gesellen oder Gesellen zu Meistern auf. Das Lehrlingsritual stellt die Selbsterkenntnis in den Mittelpunkt. Auf der Gesellenstufe wird die Arbeit für die Gemeinschaft betont. Und wer Meister werden will, muss sich symbolisch dem Tod stellen.
Die Freimaurer tragen neben dem schwarzen Anzug mit silberner Krawatte besondere zeremonielle Kleidung. Da wären die ellbogenlangen, weissen Handschuhe aus Ziegenleder und ein dazu passender Lendenschurz. Jeder Freimaurer steckt sich ein Bijou, also ein Logenabzeichen, an die Brust. Das Bijou der «Modestia» ist rund und aus hellblauem Band.
Das Wort Tempel irritiert, nehmen die Freimaurer doch Abstand vom Begriff Religion. Der Raum, der dem salomonischen Tempel nachempfunden ist, erinnert an ein Labor, das die Welt vereinfacht und Experimente zulässt. Tatsächlich soll der Tempel eine ideale Welt nachahmen, in welcher die Freimaurer am rauen Stein arbeiten und das Gewonnene nach aussen tragen, erzählt Hofer. An einer Säule ist eine Tafel mit einem goldenen «J» befestigt. Hofer zögert: «Das sollte eigentlich nicht hier sein.» Erklären möchte er es nicht, das sei zu intim.
Fortbestehen durch zeitloser Werte und Spenden
Wie überlebt ein Verein über 250 Jahre? Die Antwort könnte in den zeitlosen Werten der Freimaurer liegen. Werte wie Brüderlichkeit, Hilfsbereitschaft und Ehrlichkeit sind heute so wichtig, wie sie es vor 250 Jahren, zur Gründung der «Modestia cum Libertate», waren. Der Drang, sich selbst zu optimieren, nach Sinn im Leben zu suchen oder ein guter Mensch zu sein, ist menschlich. Die grossen Summen, die Freimaurerlogen überall auf der Welt wohltätigen Zwecken spenden, dürften zudem sinnstiftend sein.
Die Leute interessieren sich für die Freimaurer. Etwa zog die Universität Zürich vor einigen Jahren mit der Vorlesung zur Freimaurerei ein grosses Publikum an, und seit 2018 steht in Bern das Freimaurer-Museum. Trotzdem muss sich auch eine Loge anpassen. Daniel Hofer sagt: «Wenn man in der Vergangenheit verharrt, kommt irgendwann keiner mehr.»
Die Freimaurer seien offener geworden, sagt Daniel Hofer. Etwa machte sich Hans-Ulrich Helfer, ehemaliger FDP-Gemeinderat in Zürich, für mehr Transparenz stark. Er sprach nicht nur bereitwillig über den Männerbund, sondern hat auch eine Internetseite eingerichtet, über die Interessenten Informationen beziehen können.
Hofer weist den Weg fort vom Tempel, die vielen Stufen hoch und durch viele Türen hindurch aus dem Haus am Lindenhof. Es geht vorbei an den Glasvitrinen voller Degen und zeremonieller Bekleidung, durch geschmückte Gänge und vertäfelte Säle. Die unscheinbare Holztür des Lindenhof 4 schliesst sich, und die Freimaurer sind wieder unter sich.
In einer früheren Version dieses Artikels stand fälschlicherweise, dass die Schweizer Grossloge «Alpha» heisst. Der richtige Name ist «Alpina».
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