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An französischen Schulen häufen sich die Messerattacken. Das spiegelt den Zustand einer Gesellschaft wider, die insgesamt verroht. Aber der Staat muss nicht hilflos sein.
Französische Lehrer demonstrieren nach dem Attentat auf Samuel Paty mit der Botschaft «Lehren tötet?!». Aufnahme vom 21. Oktober 2020.
Kiran Ridley / Getty Images Europe
Am vergangenen Dienstag stach ein Neuntklässler in Sanary-sur-Mer, einem Küstenort in Südfrankreich, mit einem Messer mehrfach auf seine Kunstlehrerin ein. Die Tat passierte mitten im Klassenzimmer. Vor den Augen der 22 Mitschüler. Er sei ungerecht behandelt worden, sagte der 14-Jährige der Polizei. Und er habe einfach «zu viel Hass» in sich verspürt.
Kollegen der 60-jährigen Pädagogin, die am Donnerstag noch immer in Lebensgefahr schwebte, beschrieben den Schüler als «Störer». Es habe Spannungen in seiner Familie gegeben, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Doch sei der Junge bis anhin nicht durch Gewalt aufgefallen. Auch sei die Schule bekannt dafür, ein «ruhiger Ort» zu sein.
Verstörendes Bild
14 Jahre. So alt wie jener Angreifer, der im September 2025 in einer Kleinstadt im Elsass eine Musiklehrerin mit dem Messer verletzte. So alt wie der Schüler, der im Juni 2025 eine Pausenaufsicht in einem Dorf in Ostfrankreich mit dem Messer tötete. Fast so alt wie der Gymnasiast aus dem westfranzösischen Nantes, der im April 2025 eine Mitschülerin tötete und drei weitere verletzte.
Die Liste ist unvollständig, aber sie zeichnet ein verstörendes Bild von der Gewalt, wie sie an Schulen virulent geworden ist. Jüngste amtliche Zahlen verwiesen auf einen Anstieg von Messerangriffen und anderen Gewalttaten von Schülern gegenüber Lehrern und Mitschülern in Frankreich seit mindestens 2022. Dabei enden die Angriffe nicht immer tödlich, und nicht immer geht ihnen ein konkreter Anlass voraus.
Bei Samuel Paty, dem Geschichts- und Geografielehrer, der im Oktober 2020 brutal von einem 18-jährigen Tschetschenen vor seiner Schule in Conflans-Sainte-Honorine enthauptet wurde, war die Tat eindeutig islamistisch motiviert. Paty hatte es gewagt, Mohammed-Karikaturen in seinem Unterricht zu zeigen, um mit seiner Klasse über die Meinungsfreiheit zu diskutieren. Religiöse Fanatiker werteten das als Provokation und starteten eine Hetzjagd auf Paty.
Auch Dominique Bernard, der drei Jahre später von einem seiner ehemaligen Schüler im nordfranzösischen Arras niedergestochen wurde, war Opfer eines islamistischen Terrorakts. Beide Fälle wurden von der Presse wegen ihres ideologisch benennbaren Hintergrunds nicht der Rubrik «Vermischtes» zugeordnet. Sie waren keine «faits divers» mehr, wie die Franzosen kriminelle, tragische, meist lokale Ereignisse nennen.
«Epidemie der Messerangriffe»
Und doch haben auch die vielen Fälle, in denen Jugendliche nicht wegen religiöser Verblendung, sondern aus psychischer Not oder persönlichem Frust zum Töten bereit sind, eine Dimension erreicht, die weit über «faits divers» hinausgeht. Der Fernsehjournalist Franz-Olivier Giesbert spricht von einer «Epidemie von Messerangriffen» an den Schulen. Für ihn geht es um eine tiefgreifende gesellschaftliche Krise.
Schulen sind Spiegel der Gesellschaft. Insofern kann es nicht verwundern, dass die allgemeine Gereiztheit, der Dauerstress und ein schwindender Respekt vor Autoritäten auch in den Schulen spürbar werden. Familiäre Gewalt und Bildungsferne spielen eine Rolle; nicht selten in sozial abgeschotteten Milieus mit Migrationshintergrund. Hinzu kommt die Flucht in digitale Welten: Frankreich bereitet sich gerade auf ein Social-Media-Verbot für Minderjährige vor, weil man sich erhofft, so die toxische Wirkung von Tiktok und Co. einzudämmen.
In dieser Gemengelage sind die Lehrer nicht zu beneiden. Mickaëlle Paty, die Schwester von Samuel Paty, hat davon berichtet, wie ihr Bruder nicht nur von islamistischen Kreisen unter Druck gesetzt wurde, sondern wie er von der Schulverwaltung im Stich gelassen wurde, als sich die Bedrohungen gegen ihn bereits häuften. Und schon Jahre vor dem Mord an Paty hatten Lehrer unter dem Hashtag «pas de vague» («bloss keine Welle») kritisiert, wie Gewalt, Drohungen und Grenzüberschreitungen im Schulalltag kleingeredet würden – aus Angst vor Konflikten oder davor, in den Verdacht der Diskriminierung zu geraten.
«Bloss keine Welle»
Ganz untätig ist der Staat nicht geblieben. Seit 2024 setzt Frankreich verstärkt auf Taschenkontrollen an Schuleingängen. Auch sind Polizei und Gendarmerie sichtbarer präsent, und nach schweren Taten werden psychologische Krisenteams eingerichtet. Doch viele Lehrer empfinden diese Massnahmen als punktuell und reaktiv. Es fehle vielerorts an ausreichend Personal, beklagen sie; an klaren Abläufen und an einer Verwaltung, die Bedrohungen frühzeitig ernst nimmt.
Mickaëlle Paty, die derzeit den Berufungsprozess im Mordfall gegen ihren Bruder verfolgt, wirft den Behörden institutionelle Trägheit vor. Die Politik setze auf Schweigeminuten für die Opfer der Gewalt, sagt sie, während Lehrkräfte im Alltag weiterhin zu wenig Schutz erhielten. Dabei ist der Staat keineswegs machtlos. Er könnte Metalldetektoren einsetzen und mehr Kontrollen an den Schulen durchführen. Er könnte das Jugendstrafrecht verschärfen und Täter mit stärkeren Sanktionen belegen. Um im Bild zu bleiben: Er könnte vielleicht anfangen, das Problem so zu behandeln, wie er andere Epidemien behandelt.
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