#Flüchtlingslager #auf #Samos #das #Leben #hinter #Stacheldraht
Das wirft Fragen auf. Was passiert in diesem Lager? Was darf die Öffentlichkeit nicht wissen?
Die NZZ ist nach Samos gereist, obwohl ein Besuch des Lagers nicht möglich war. Auf der Insel sprach sie mit Migrantinnen und Migranten und gelangte mit deren Hilfe an Video- und Bildaufnahmen aus dem Inneren des Asylzentrums. Daraus konnte die NZZ 3-D-Visualisierungen erstellen. Sie zeigen, wie das Zentrum funktioniert und wie der Alltag seiner Bewohnerinnen und Bewohner aussieht.
Zwei Menschen stehen im Fokus dieser Geschichte: Mina und Fazlullah.* Mina ist eine 16-jährige Afghanin, die in Iran aufgewachsen ist, Fazlullah ein zweifacher Familienvater aus Afghanistan. Sie erreichten Samos im Sommer und Herbst letzten Jahres. In dieser Zeit kommen im Schnitt 130 Menschen pro Tag auf Gummibooten auf den ägäischen Inseln an.
So ähnlich Minas und Fazlullahs Geschichten sind, so unterschiedlich sind ihre Erfahrungen im Asylzentrum auf Samos. Ihre Erzählungen und die von ihnen aufgenommenen Videos zeigen das Spannungsverhältnis, in dem das europäische Asylwesen steht: Die Behörden müssen Sicherheit und Kontrolle herstellen und zugleich die Menschenwürde der Migranten respektieren.
Links: Mina ist 16 Jahre alt und in Iran aufgewachsen. Um sie zu schützen, zeigt die NZZ sie nur im Profil. Rechts: Der Afghane Fazlullah, seine Frau und die zwei Kinder als Schattenbild vor dem Lager.
Nach der ersten Begegnung auf Samos blieb die NZZ monatelang mit Mina und Fazlullah in Kontakt. Ihre Schilderungen vom Alltag im Lager warfen Fragen zu den Zuständen auf. Die NZZ konfrontierte die griechischen Behörden wiederholt damit – eine Antwort blieb aus. Gespräche mit Ärzte ohne Grenzen und weiteren Organisationen, die im Lager tätig sind, halfen, die Berichte einzuordnen. Die Recherche zeigt, wie stark das von der EU und Griechenland vermittelte Bild eines geordneten und funktionierenden Lagers von der Realität vor Ort abweicht.
Ankunft
Es ist Nacht, als Mina erstmals den Fuss auf europäischen Boden setzt. Hier, am Strand von Samos, scheint es ihr, als hätte sie soeben die wichtigste Prüfung ihres Lebens bestanden. «Ich fühlte Erleichterung. Wir waren endlich in Sicherheit! Aber da wusste ich noch nicht, was noch kommen würde», erzählt Mina.
Fast zwei Stunden hat die Überfahrt im Boot eines Schleppers gedauert. Die letzten Meter schwammen oder wateten die 29 Menschen durch die Brandung. Eine Polizei-Patrouille entdeckt die Gruppe. Nach Stunden des Wartens sammelt ein Bus die Menschen auf und bringt sie zuerst nach Vathy, dem Hauptort der Insel. Niemand erklärt ihnen, wo es hingeht. Aber die Migranten sind so erschöpft, sie stellen keine Fragen.
Der Bus fährt durch das schlafende Städtchen, immer höher die Serpentinenstrassen hinauf. Unten liegt die Bucht von Vathy, die weissen Häuser im Schein der Lichter aufgereiht wie Milchzähne. Das Lager taucht nach einer Haarnadelkurve unvermittelt auf: Im Flutlicht leuchtet das Gelände grell, der Rest des Waldes liegt finster. Als wäre ein Raumschiff in der Wildnis gelandet.
Mina und ihre Familie steigen mit den anderen Menschen aus dem Bus. Vor ihnen erhebt sich ein Tor aus Eisenstäben und einem hohen Zaun, auf dem zuoberst eine Rolle Stacheldraht liegt. Es ist der Eingang zu einer der grössten Asyl-Einrichtungen in Europa.
Das Lagerareal wird nachts von zahlreichen Flutlichtern ausgeleuchtet.
Das Asylzentrum auf Samos wurde im September 2021 eröffnet. Grund für den Bau war eine Tragödie, die sich ein Jahr zuvor auf einer anderen Insel abgespielt hatte: Im September 2020 brannten die Zelte im Flüchtlingslager von Moria auf Lesbos lichterloh. Rund 12 500 Menschen verloren in dieser Nacht ihre Unterkunft.
Bereits vor dem Brand galt Moria als Sinnbild für das Versagen der europäischen Flüchtlingspolitik. Das Lager war für 2800 Personen konzipiert worden. Doch zeitweise lebten bis zu 20 000 Menschen auf dem Areal. Die meisten schliefen in Zelten, andere unter freiem Himmel. Es gab nur wenige Toiletten und Duschen, wer ernsthaft krank wurde, fand oft keine medizinische Versorgung. Frauen und Kinder wurden sexuell belästigt, es kam zu wüsten Auseinandersetzungen und Schlägereien unter den Männern. Manche Bewohnerinnen und Bewohner verzweifelten an ihrer aussichtslosen Lage und begingen Suizid.
Auch in der Ortschaft Vathy auf Samos stand ein solches Lager. Seine Bewohner nannten es «den Dschungel».
Nach dem Brand auf Lesbos zog die EU Konsequenzen. Unter dem Leitsatz «no more Morias» stellte sie rund 300 Millionen Euro für den Bau moderner Einrichtungen zur Verfügung. Neun Monate später wurde das neue Lager auf Samos feierlich eröffnet. Kurz darauf folgten auf zwei weiteren griechischen Inseln Zentren nach gleichem Vorbild; ein viertes entsteht derzeit auf Lesbos.
Mit welchem Ziel investierte die EU Millionen in den Bau dieser Lager?
Das Lager war als Filter gedacht: Noch auf der Insel sollten die griechischen Behörden entscheiden, wer Asyl erhält – und wer nicht auf das europäische Festland weiterreisen darf. Die Verfahren sollten schnell und effizient sein. Zudem versprach die EU mehr Sicherheit, sowohl für die Menschen im Lager als auch für die lokale Bevölkerung. Auch die Unterbringung, hiess es, werde menschenwürdig sein. Die EU sprach von «guten Bedingungen». Der damalige griechische Migrationsminister formulierte es noch eindringlicher: Das neue Lager solle «jenen ihre verlorene Würde zurückgeben, die internationalen Schutz suchen».
Wie diese Versprechen umgesetzt wurden, zeigt sich im Lager.
In der Nacht ihrer Ankunft wird Mina mit ihrer Familie und den anderen Menschen in einen leeren Raum gebracht. Er besteht aus zusammengefügten leeren Containern. Das Lagerpersonal sagt, es sei ein «Quarantäneraum». Ihre Familie teilt den dreckigen Boden mit vierundzwanzig weiteren Personen: allein reisenden Männern unterschiedlicher Herkunft und einer weiteren Familie.
Mina ist müde, und ihre Kleider sind nass. Hinlegen kann sie sich nicht, denn dafür fehlt der Platz. Nachdem sie auf ihrer Reise fast zwei Tage nichts gegessen haben, hat die Familie Hunger und Durst. Das Tetrapak Fruchtsaft und das Croissant, die irgendwann ausgeteilt werden, können dagegen nicht viel ausrichten. Schliesslich bringt ihnen jemand Decken, die sie sich über die nassen Sachen legen können. Es gibt keine Duschen. Die Spülung der Toilette funktioniert nicht.
Noch weiss keiner, dass sie nicht nur ein paar Stunden hier festsitzen werden, sondern Tage. In der Zeit dürfen sie den Raum nicht verlassen.
Alle Bewohner, mit denen die NZZ spricht, wurden in den ersten Tagen wie Mina eingesperrt. Die griechischen Behörden äussern sich auf Anfrage nicht zu den Bedingungen in diesen Containern. Während der Corona-Pandemie diente diese Isolation als Quarantäne. Doch die Praxis wird heute weitergeführt. Sie ist nach griechischem Recht zulässig. Bis zu 25 Tage dürfen Asylsuchende bei ihrer Ankunft festgehalten werden. Die De-facto-Haft erfolgt ohne individuelle Abklärung – und widerspricht damit den EU-Aufnahmeregeln.
Wie unterschiedlich die EU und die griechischen Behörden die Rolle der Lager sehen, zeigt sich auch in der Sprache. Die EU nennt sie «Mehrzweck-Zentren». Die griechischen Behörden sprechen von «Closed Controlled Access Centers» – geschlossenen Zentren mit kontrolliertem Zugang. Auf einer früheren Version der Website der Europäischen Kommission verneint diese, dass die Einrichtungen geschlossen sind. Der Satz ist in der Zwischenzeit von der Seite verschwunden.
Mina hat sich ihre ersten Tage in Europa anders vorgestellt, leichter als ihr Leben in Iran, wo sie aufgewachsen ist. Dort steht die afghanische Gemeinschaft unter Generalverdacht und wird vom Staat überwacht. Minas Mutter gibt ihrer Tochter erst nach einigem Zögern die Erlaubnis, mit der NZZ zu sprechen. Sie will trotz allem, dass die Öffentlichkeit erfährt, was im Innern eines EU-Flüchtlingscamps vor sich geht. Die einzige Bedingung: Die anderen Familienmitglieder sollen nicht namentlich genannt werden.
Mina erzählt, wie ihre Eltern dafür kämpften, dass sie in Iran überhaupt auf die Grundschule gehen durfte. Das Recht auf Bildung gilt in der Islamischen Republik nur für Staatsbürgerinnen. Mina träumt davon, Ärztin zu werden. Doch der Zugang zur Universität ist Afghanen und Afghaninnen untersagt.
In den ersten Stunden nach ihrer Ankunft auf Samos wendet Mina das an, was sie in der iranischen Gesellschaft gelernt hat: nicht aufzufallen. Obwohl sie keine Ahnung hat, wann sie den Ort wieder verlassen kann, zwingt sie sich, über Tage ruhig auszuharren im «Quarantäneraum».
Alltag
Trotz den Zäunen, trotz den Kontrollen: Mina fühlt sich im Lager zum ersten Mal seit ihrer Flucht aus Iran sicher. In den überfüllten Zeltlagern in der Türkei hatte sie Angst vor den betrunkenen Männern, die sie lüstern anstarrten. Auf dem Gummiboot nach Samos fürchtete sie um ihr Leben. Nun hat sie endlich ein festes Dach über dem Kopf. Das Sicherheitspersonal bedeutet für Mina, dass sie keine Angst mehr davor haben muss, allein durchs Lager zu gehen.
Anders geht es Fazlullah, dem zweifachen Familienvater: Er fühlt sich eingesperrt. Seine Frau und er gehörten in Afghanistan zur gebildeten Elite des Landes. Beide hatten gute Jobs. Um das Ehepaar zu schützen, nennt die NZZ weder Arbeitgeber noch genaue Tätigkeit. Im Sommer 2021 kamen die Taliban an die Macht. Wie Zehntausende seiner Landsleute mussten Fazlullah und seine Familie fast über Nacht Afghanistan verlassen.
Seit ihrer überstürzten Flucht lebt die Familie im Ungewissen. Im Nachbarland Iran arbeitete Fazlullah zunächst auf Baustellen, in der Hoffnung, eine langfristige Aufenthaltsbewilligung zu erhalten. Als der Druck der Behörden auf die afghanischen Flüchtlinge stieg, reiste er mit seiner Frau, seinem kleinen Sohn und seiner neugeborenen Tochter in die Türkei. Dort stellte er erneut einen Asylantrag, doch der wurde abgelehnt. Spätestens da wusste er: Europa ist ihre letzte Chance.
Fazlullah spricht langsam und leise. Seine Stimme ist monoton, als wäre er sehr müde. Er erzählt von einer prägenden Erfahrung, die er im ersten Monat im Lager macht: Seine Tochter wurde nachts krank. Er bangte um ihr Leben und rief einen Krankenwagen. Doch die Wachleute verweigerten der Ambulanz den Zutritt: Es handle sich nicht um einen Notfall. Fazlullah blieb nichts anderes übrig, als zu warten, bis am nächsten Tag das medizinische Personal ins Lager kam. Er sagt, das Asylzentrum erinnere ihn an ein Militärlager.
Gefängnisartige Elemente wie Stacheldraht und Personen in Uniformen «erhöhen das Risiko einer erneuten Traumatisierung von Menschen, die Gewalt und Verfolgung erlebt haben», schreibt die EU-Agentur für Grundrechte in ihren Richtlinien für die neuen Lager. Zwei Jahre nach dem Bau der Zentren hält die damalige Europäische Bürgerbeauftragte fest, dass die Zäune und das Überwachungssystem «an eine Haftanstalt erinnern». Griechenland habe alternative Architekturvorschläge ignoriert. Die Behörden entgegnen, dass die Zäune dem Schutz von Frauen und Minderjährigen dienten.
Migrantinnen und Migranten warten vor dem Lager auf den Einlass. Die Zugangskontrollen führen oft zu Wartezeiten.
Mina begegnet in ihrem ersten Monat im Lager der griechischen Nichtregierungsorganisation Eurorelief. Deren Bibliothek und Frauenraum werden bald zu einem festen Bestandteil ihres Alltags: Am Morgen lernt sie dort Deutsch und Englisch, am Nachmittag trifft sie andere Frauen. Sie malen, fertigen Schmuck an und sprechen über Selbstfürsorge. Ihre Mutter benutzt die zur Verfügung gestellten Nähmaschinen. Mina findet im Lager auch neue Freundinnen. Am Abend spielen sie zusammen Volleyball. Manchmal umarmen sie sich, «um die Stimmung besser zu machen».
Für Fazlullah gibt es im Lager nicht viele Aktivitäten. Tagsüber läuft er mit seinen beiden Kindern durch das Lager und versucht, mit ihnen zu spielen und sie abzulenken. Fast täglich gerät Fazlullah in Konflikte mit dem Sicherheitspersonal. «Sie schreien uns an, als wären wir Tiere», sagt er. Dagegen wehre er sich.
Auch in seinem neuen Zuhause, dem Wohncontainer, kommt Fazlullah nicht zur Ruhe. Er ist wie Mina im Bereich untergebracht, in dem vor allem Familien leben. Die Bedingungen sind dort grundsätzlich besser als in den Bereichen für allein reisende Männer, wo bis zu sechs Personen in einem Raum schlafen und Sanitäranlagen geteilt werden.
Obwohl er nur wenige Meter von Mina entfernt untergebracht ist, unterscheiden sich die beiden Wohncontainer deutlich. Zwar sind alle Familien-Container gleich gross und gleich aufgebaut, doch Fazlullahs Unterkunft ist alt und verlottert. Möglicherweise wurde er aus dem alten, provisorischen Lager hergebracht und wiederverwendet. Minas Container ist hingegen neu.
Essen für seine Familie holt Fazlullah an einer zentralen Ausgabestelle. «Es gibt immer dasselbe: Reis und Hühnchen oder Pasta», sagt er. «Zum Frühstück gibt es pro Person ein Tetrapak Saft und ein Croissant.» Ein Essraum ist im Lager nicht vorhanden. Fazlullah und seine Familie sitzen mit ihrer Mahlzeit meistens draussen oder im Schlafzimmer ihres Containers auf dem Boden. Er sorgt sich um seine Kinder, denn sie verweigern das Essen häufig.
Auch Mina sagt, das Essen sei oft geschmacklos und vieles sei verdorben. Deshalb geht sie mit ihrer Mutter in die Stadt, um Lebensmittel einzukaufen. Der Bus dorthin kostet rund 2 Euro pro Person. Das Geld für die Fahrt und das Essen schicken ihnen Verwandte, die schon in Deutschland angekommen sind. Minas Mutter hebt es vom Geldautomaten ab, der vor dem Lagereingang steht.
Fazlullah und seine Frau haben ihr Haus in Afghanistan verkauft, um die Flucht nach Europa zu finanzieren. Wie viel von dem Geld nach Bezahlung der Schlepper übrig ist, verrät Fazlullah nicht. Er sagt aber, dass es zu teuer für ihn sei, mit der ganzen Familie regelmässig Bus zu fahren. Das Lager verlässt er darum nur selten. Manchmal läuft er nach Vathy, um Kleider für seine Kinder zu kaufen. Für einen Weg ist er dann knapp zwei Stunden in der prallen Sonne unterwegs. Der Rückweg führt 300 Meter bergauf.
Eigentlich sollte er, wie alle Asylsuchenden, finanzielle Unterstützung erhalten – 210 Euro pro Monat für eine vierköpfige Familie. Die Mittel stammen aus einem EU-Fonds und sollen von der griechischen Regierung ausbezahlt werden. Doch Fazlullahs Familie bekommt während ihrer Zeit im Lager kein Geld. Die Hilfsorganisationen Refugee Support Aegean und Ärzte ohne Grenzen bestätigen gegenüber der NZZ, dass die Zahlungen seit mindestens April 2025 ausgesetzt sind. Die griechische Regierung spricht von Schwierigkeiten, einen geeigneten Partner für die Ausführung des Programms zu finden.
Insgesamt 1,6 Milliarden Euro hat die EU für die Jahre 2021 bis 2027 zur Unterstützung Griechenlands in Sachen Migration bereitgestellt. Das sind durchschnittlich rund 240 Millionen Euro pro Jahr – und somit weit weniger als die Milliarden, die die Schweiz jährlich in diesem Bereich ausgibt. Trotzdem sollen mit diesem Geld laut dem Budgetplan der griechischen Regierung unter anderem die Lebensbedingungen in den Lagern verbessert werden.
Im Lager auf Samos bleibt unklar, wohin diese Gelder fliessen. Eigentlich sollte es gemäss dem griechischen Migrationsamt Restaurants, Läden sowie Freizeit- und Computerräume geben. Doch in Gesprächen mit Organisationen, die im Lager tätig sind, wird klar, dass vieles nicht vorhanden ist. Im Bereich, in dem Mina und Fazlullah untergebracht sind, wäre zum Beispiel ein Laden für Hygieneartikel geplant gewesen. Doch der existiert nicht. Und die einzigen Gemeinschaftsräume, die es gibt, sind die Bibliothek und der Frauenraum von Eurorelief.
Anderes ist vorhanden, aber kaum nutzbar: Spielplätze für Kinder sind nur nach mehreren Sicherheitskontrollen erreichbar. Grünflächen sind meist eingezäunt und unzugänglich. Offen stehen lediglich die Sportplätze. Die Nichtregierungsorganisation RSA berichtet wiederholt von verdreckten und defekten Toiletten in den Bereichen für Alleinreisende. Mehrere Organisationen, unter ihnen Ärzte ohne Grenzen, bestätigten gegenüber der NZZ, dass die Gemeinschaftsküchen nicht in Betrieb sind. Waschmaschinen dürfen nur von Personen benutzt werden, die wegen Krätze behandelt werden. «Wenn man sich die offiziellen Pläne anschaut, wirkt alles sehr durchdacht. Doch vieles davon wurde nie so umgesetzt, wie es vorgesehen war», sagt die Einsatzleiterin von Ärzte ohne Grenzen auf Samos.
Der Spielplatz im Familienwohnbereich ist von Zäunen umgeben. Um dahin zu gelangen, müssen die Kinder mindestens durch zwei Sicherheitskontrollen.
Personalmangel und Wasserknappheit seien ein Grund dafür, dass Gemeinschaftsräume wie Küche und Waschraum nicht benutzt werden können, erklärt Ärzte ohne Grenzen. Eine weitere Erklärung für die fehlende Infrastruktur: 2023 kamen wieder deutlich mehr Flüchtlinge auf Samos an als in den Jahren zuvor. Über Nacht erhöhten die griechischen Behörden die Kapazität des Lagers von 2000 auf 3600 Personen. Kurzerhand wurden alle Container, die nicht der Verwaltung dienten, in Wohnräume umfunktioniert – darunter auch der Laden, die Restaurants und die Küchen.
Mit der Überfüllung des Lagers wurden auch die geschützten Bereiche für Frauen und Alleinerziehende aufgehoben. Erhalten blieb nur die «Safe Zone» für unbegleitete Minderjährige. Der Bereich wird von der Schweiz mitfinanziert. Nachdem die «Republik» Anfang letzten Jahres gravierende Missstände in dieser «Safe Zone» publik gemacht hatte und der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte eingeschritten war, wurden die Kinder in andere Camps verlegt. Der Bereich wird seither umgebaut. Neu ankommende Minderjährige werden allerdings wieder dort untergebracht.
Auf Anfrage äussert sich weder das griechische Migrationsamt noch die Lagerverwaltung zur fehlenden Infrastruktur. Eine Sprecherin der EU-Kommission erläutert, dass Griechenland regelmässige Berichte über die Verwendung der EU-Gelder vorlegen müsse. Zudem wurde eine externe Prüfungsgesellschaft mit einer verstärkten Überwachung beauftragt. Bei dieser Kontrolle seien bislang keine Hinweise auf Misswirtschaft oder Unregelmässigkeiten festgestellt worden.
Der Prozess
Das Asylverfahren gestaltet sich für Fazlullah und seine Frau schwierig. Nach der ersten Befragung durch einen Migrationsbeamten werden sie immer wieder zu Interviews gerufen. Auskunft über den Status ihrer Bewerbung erhalten sie keine. Möglicherweise hängt die wiederholte Befragung mit ihrem illegalen Aufenthalt in der Türkei zusammen – einem Land, das von den griechischen Behörden als sicherer Drittstaat betrachtet wird.
Wie ein Asylverfahren abläuft und wie lange seine Bearbeitung dauert, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. In Samos warten die meisten Antragsteller zwischen drei und sechs Monate auf ihren Entscheid. Bei rund jedem fünften Antragsteller dauert der Prozess länger als sechs Monate. Diese Wartezeiten sind deutlich kürzer als die Jahre, die die Migranten in den provisorischen Zeltlagern verweilten. Die Wartezeit hängt aber immer noch davon ab, wie überlastet das System gerade ist und woher die Migranten stammen. Dabei ist insbesondere die Frage wichtig, ob ein Antragsteller im Herkunftsland politisch verfolgt wird.
Das Vorgehen der Verwaltung im Asylverfahren ist für Fazlullah nicht nachvollziehbar. Manche Antragsteller sind nach ihm angekommen und haben ihren Bescheid schon erhalten. Andere wurden noch gar nicht befragt.
«Versuchen Sie gar nicht erst, das zu verstehen», diesen Satz hört man von Dimitris Choulis oft. Welche Asylprozesse beschleunigt abgewickelt würden und welche eben länger dauerten, ist auch ihm als Anwalt, der auf Migrationsrecht spezialisiert ist, schleierhaft. Es sei die übliche rechtliche Willkür, die man schon seit der Ankunft der ersten Flüchtlinge auf der Insel in den nuller Jahren kenne.
Choulis ist Mitbegründer des «Human Rights Legal Project», das Migranten kostenlose Rechtshilfe bietet. Auf Samos aufgewachsen, lebt er noch heute auf der Insel. Er sah mit eigenen Augen, wie zwischen 2010 und 2015 Jahr um Jahr mehr Flüchtlinge auf der Insel ankamen und im Elend der provisorischen Zeltlager strandeten.
Die Anwälte und Anwältinnen des «Human Rights Legal Project» treffen ihre Klienten meist im Gefängnis der Inselhauptstadt. Angeklagte dürfen nicht im Lager wohnen. Wenn die Anwälte doch im Lager zu tun haben, finden die Gespräche mit ihren Klienten in Containern mit vergitterten Fenstern statt. Ein grosser Tisch an einem Ende, drei Stühle am anderen.
Choulis hält den Ansatz der Zentren für grundlegend verfehlt. Zwar seien sie besser als die provisorischen Lager der 2010er Jahre – doch damals habe es sich um eine Notsituation gehandelt. Heute hingegen würden Millionen Euro investiert. «Dafür müsste es deutlich besser sein», sagt er. Er ist überzeugt: «Solche Lager wie das auf Samos bringen das Schlimmste im Menschen hervor.» Ginge es nach Choulis, würden Menschen wie Fazlullah und Mina während des Asylprozesses bereits integriert werden. Sie könnten eine Unterkunft in einer Ortschaft beziehen und arbeiten.
Doch zurzeit sind in Griechenland andere Ideen angesagt. Für Thanos Plevris, den griechischen Migrationsminister, ist nicht klar, dass in einem Lager wie Samos überhaupt jemand ein Anrecht auf den Schutz Griechenlands hat. Während die NZZ auf der Insel ist, besucht er das Lager und tritt danach kurz vor die Medien. «Ein illegaler Grenzübertritt bleibt ein illegaler Grenzübertritt», sagte Plevris in die Mikrofone.
Links: Dimitris Choulis steht mit seinen Akten im Gerichtssaal von Vathy. Rechts: Der Migrationsminister Thanos Plevris hat gleich mehrere Lager besucht. Auch vor dem Asylzentrum auf Leros wird er von den Medien befragt.
In der Zwischenzeit hat Griechenland sein Asylgesetz überarbeitet und stark verschärft. Wer wie Mina oder Fazlullah ohne Visum aus einem als sicher eingestuften Drittstaat nach Griechenland einreist, kann entweder umgehend zurückgewiesen oder für mindestens zwei Jahre inhaftiert werden. Zudem sieht das Gesetz Geldstrafen von mindestens 5000 Euro vor. Wie sich die verschärften Bestimmungen konkret auf die Abläufe im Lager von Samos auswirken werden, liess das Migrationsamt auf Anfrage der NZZ unbeantwortet.
Der Bescheid
Ein deutsches Wort hat es schon in den Wortschatz der Migrantinnen und Migranten im Camp geschafft, bevor sie überhaupt europäisches Festland betreten: «Ausweis». Man hört es auch von Asylbewerbern in Lesbos oder Chios. Gemeint ist die Bescheinigung über den Schutzstatus und damit die Bewilligung, in Europa zu bleiben.
Mina erhält ihren Ausweis Ende August. Sie und ihre Familie hatten Glück – das Verfahren dauerte nur zweieinhalb Monate. Damit gehören sie zu den etwa 60 Prozent der Asylbewerber in Griechenland, die in diesem Monat Asyl erhielten.
Sobald der Asylentscheid bekanntwird, ist die Lagerverwaltung nicht mehr für die Migrantinnen und Migranten zuständig. Ihnen bleiben 30 Tage, um das Lager zu verlassen. Unterstützung wie Verpflegung erhalten sie nicht mehr. Viele verbringen dann noch einige Tage in baufälligen Containern auf dem Parkplatz vor dem Lager. Dort warten sie auf die Reisedokumente, deren Ausstellung oft länger dauert. Oder sie müssen noch Geld für die Weiterreise ans Festland auftreiben.
Mina und ihre Familie reisen weiter nach Deutschland. Eigentlich haben sie in Griechenland bereits Asyl erhalten und müssten sich dort niederlassen: eine Arbeit suchen, die Kinder in die Schule schicken. Dennoch wollen sie in Deutschland erneut einen Asylantrag stellen. Denn Schutzsuchende dürfen beim Grenzübertritt nicht einfach zurückgewiesen werden. Zuerst müssen die Behörden klären, welcher Staat für das Asylverfahren zuständig ist. Gelingt dies nicht innerhalb von sechs Monaten, muss der deutsche Staat das Verfahren übernehmen. Die neue Regierung will diese Praxis beenden und Asylsuchende direkt an der Grenze zurückweisen.
Von Fazlullah hört die NZZ lange nichts mehr. Dann nur so viel: Er ist noch im Lager. Sechs Monate nach ihrer Ankunft warten er und seine Familie noch immer auf einen Entscheid. Falle dieser positiv aus, wolle er versuchen, in Griechenland Arbeit zu finden, sagt er in früheren Gesprächen. Er lernt bereits täglich Griechisch.
Würde die Familie einen negativen Entscheid erhalten, würden sie eigentlich zurück in die Türkei ausgeschafft werden. Im Lager war dafür eigens ein Ausschaffungsgefängnis geplant. Doch es hat nie existiert. Personen, die abgelehnt werden, müssen das Lager verlassen – und auch Griechenland. Doch die meisten tauchen unter und versuchen ihr Glück nochmals in einem anderen EU-Land, so wie auch Mina das tut, einfach ohne gültige Papiere.
Wie die EU-Kommission auf Anfrage mitteilt, führt sie das Scheitern der Rückschiebungen auf den Zusammenbruch des EU-Türkei-Abkommens von 2016 zurück. Darin verpflichtete sich die Türkei, Flüchtlinge zurückzunehmen, die über ihr Staatsgebiet nach Griechenland gelangt waren. In den vier Jahren danach wurden 2140 Menschen zurückgeführt; in derselben Zeit gingen in Griechenland über 200 000 Asylgesuche ein. Zu Beginn der Corona-Pandemie setzte Ankara die Rückführungen ganz aus.
Beim Besuch des Migrationsministers Thanos Plevris herrscht vor dem Lager auf Samos Tumult.
Auch wenn die Rückführung der abgewiesenen Asylsuchenden nicht funktioniert: Das Lager auf Samos steht inzwischen für einen neuen Umgang der EU mit Asylsuchenden. Schon bei der Eröffnung sprach die Leiterin der EU-Generaldirektion Migration und Inneres davon, dass das Zentrum den Weg für den neuen Migrations- und Asylpakt ebnen werde.
Tatsache ist: Vergleicht man den chaotischen, rechtsfreien Raum des alten Zeltlagers in Samos mit der neuen Anlage, so wurden einige Ziele der EU erreicht. Das Zentrum wirkt geordneter, die Sicherheitsstandards sind höher, und auch die Asylverfahren dauern heute weniger lang. Die EU-Kommission schreibt der NZZ: «Die Lager haben zu einer allgemeinen Verbesserung des Migrationsmanagements und der Aufnahme von Migranten beigetragen.»
Doch die Bilanz ist nicht eindeutig. Gegen Griechenland läuft derzeit ein Verfahren wegen möglicher Verstösse gegen die europäischen Aufnahmerichtlinien. Ob darunter auch die De-facto-Haft bei der Ankunft von Migrantinnen und Migranten fällt, lässt die EU-Kommission auf Anfrage offen. Unklar bleibt auch, wie genau die EU-Gelder im Lager von Samos eingesetzt werden. Öffentliche Rechenschaft darüber gibt es nicht.
Für Mina sind diese Probleme inzwischen weit weg. Heute lebt sie mit ihren Eltern in einer Stadt in Norddeutschland. Sie möchte das Abitur machen und danach Medizin studieren. Der Traum, Ärztin zu werden, scheint zum ersten Mal erreichbar. Daneben stellt sich ein neuer Alltag ein: Deutsch lernen, zur Schule gehen, Freizeit geniessen. Derzeit sucht sie in der norddeutschen Stadt nach einer Kampfsportschule, um ihr geliebtes Hobby Taekwondo wieder aufnehmen zu können.
* Namen geändert.
Die Visualisierungen des Lagers und von Minas Container wurden mithilfe von «3D-Gaussian Splatting» entwickelt, einer neuen Technik, um aus Bildern fotorealistische 3-D-Szenen herzustellen. Eine solche Szene besteht aus Hunderttausenden von sogenannten «Splats» – Punkten von unterschiedlicher Grösse, Farbe, Form und Transparenz. Ihre Position im 3-D-Raum wird mithilfe von Computer-Algorithmen aus den 2-D-Bildern berechnet; das Aussehen bestimmt ein KI-Algorithmus. Die Gaussian-Splat-Visualisierungen des Lagers können hier angeschaut werden, die von Minas Container hier.
Forschung und Entwicklung
Jon Cohrs, Creative Technologist: Gaussian Splats.
Michel Grautstück, Entwickler: Umsetzung Web.
Cian Jochem, Visueller Journalist: 3-D-Modellierung.
Joana Kelén, Visuelle Journalistin: Design.
Adina Renner, Visuelle Redaktorin: Text, Karten.
Reportage
Katharina Bracher, Reporterin: Text.
Ilir Tsouko, Fotograf: Bilder.
Mitarbeit
Anja Troe, Journalistin; Andreas Ernst, Redaktor; Jessica Eberhart, Osint-Reporterin; Linda Koponen, Redaktorin.
Projektleitung
Adina Renner.
Die Gebert-Rüf-Stiftung hat diese Recherche finanziell unterstützt.
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