#Ein #Journalist #wie #ihn #nicht #mehr #geben #könnte
Mit Karl Lüönd ist eine prägende Figur der Zürcher Medienszene verstorben. Erinnerung an einen Waghalsigen.
Der Journalist Karl Lüönd – hier 1994 in den Büros der «Züri Woche» – ist am 9. Februar 2026 achtzigjährig verstorben.
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Karl Lüönd war Gymnasiast, als er seine Zukunft entdeckte. Als Sohn eines Fabrikarbeiters in Flüelen, Kanton Uri, aufgewachsen, war er von Geburt an ein Aussenseiter. Sein Vater – ein Zugezogener aus dem nahen Kanton Schwyz – galt als «Auswärtiger» und, weil er in der Gewerkschaft war, als ein gefährliches Element. Er selbst, der nur dank einem Stipendium die höhere Schule besuchen durfte, wurde dort als Emporkömmling betrachtet.
Die Priester, die die Schule führten – «Pfaffen» nannte er sie ein Leben lang verächtlich – stellten eines Tages ihn und den anderen Stipendiaten auf die eine Seite des Klassenzimmers. Auf der anderen standen die Söhne des Arztes, des Richters und des Apothekers, deren Eltern das Schulgeld selbst zahlten.
«Ihr seid nur hier, weil die Allgemeinheit bezahlt», habe einer der Pfaffen dann gesagt, erzählte Lüönd viele Jahre später. Es war der Moment, in dem seine Abneigung gegen die Religion, vielleicht den Glauben an sich, ihren Anfang nahm.
Dass es einen Ausweg gab, merkte der junge Kari, als er seine grosse Begabung entdeckte: das Schreiben. Damals, in den 1950er und 1960er Jahren, war die Schweiz ein Land der Zeitungen, der Nachrichten – und der Journalisten. Allein das nahe Luzern hatte vier Tageszeitungen. Für eine von ihnen schrieb Lüönd als Jugendlicher Kurzmeldungen – über Dorffeste, Unfälle, Vermischtes.
Dann, der erste grosse Text, über ein Volksfest, geschickt an eine Zürcher Illustrierte. Eine Antwort habe er nicht erhalten, aber nach einigen Wochen ein Honorar, ausbezahlt vom Pöstler an die staunende Mutter. «Es war mehr, als mein Vater in einem Monat verdiente. Er hat danach nie mehr gefragt, ob das ein Beruf mit Zukunft war.»
Er verkörperte die Männerwelt, die der Journalismus damals war
Abbruch des Gymnasiums, Umzug nach Luzern, wo er sich als Journalist rasch einen Namen machte. Später der Wechsel nach Zürich, zur damals noch jungen Boulevardzeitung «Blick». Lüönd, der Aussenseiter, der Ehrgeizige, erzählte über seinen Umzug am liebsten diese Anekdote: Er habe eine Wohnung in Schwamendingen gefunden und sein NZZ-Abonnement auf die neue Adresse umleiten wollen. Doch ihm sei von einer freundlichen Sekretärin beschieden worden: Schwamendingen, das Arbeiterquartier? Dorthin liefern wir nicht.
Alpha-Männer unter sich: Karl Lüönd (zweiter von rechts) und der Journalist Niklaus Meienberg (rechts) an einem Podium über Militärpolitik 1978 in Zürich.
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Karl Lüönd wurde zu einer Ausnahmefigur im Zürcher Journalismus: ein beleibter, bärtiger Innerschweizer, Zigarrenraucher, Hobbyjäger, ohne reiche Familie oder gebildetes Elternhaus, der bald mit der gesamten hiesigen Medienelite vernetzt war.
Lüönd hat sie alle gekannt, die Verleger und Redaktoren, Financiers und bürgerlichen Eliten, die das Zürich der 1970er und 1980er Jahre prägten. Er war als Journalist ihr Beobachter, als Chefredaktor ihr Vollstrecker und, viel später, als Autor und Medienkritiker der Chronist ihres Niedergangs.
Er war den Mächtigen nahe, doch war er einer von ihnen? Lüönd selbst schrieb einmal über den Beruf des Reporters: «Er ist immer mittendrin, aber nie ganz dabei.»
Dennoch passte einer wie er zu dieser Zeit, in der das Geld im Journalismus noch ohne Unterlass floss, die Ehrgeizigen ihre Ausbildungen abbrachen, um auf der Redaktion anzufangen. In der dort gesoffen, geraucht und geflucht wurde.
Lüönd – so muss man seine späteren Schilderungen deuten – war einer, der in dieser patriarchalen Männerwelt aufging. Der nichts lieber tat, als sich mit allen Mitteln durchzusetzen. Diesen habe er in seiner ersten Woche unter den Tisch getrunken, jenen mit einer Titelgeschichte über abgeschossene Kängurus ausgestochen. Und als in Portugal ein Flugzeug mit Schweizer Passagieren abgestürzt sei, habe er niemanden um Erlaubnis gefragt, bevor er seine Reporter mit dem Privatjet losgeschickt habe, direkt zu den Spitälern, in denen die Verletzten lagen.
Das erzählte er im hohen Alter gerne über jene Zeit. In diesen Geschichten war er der Aussenseiter, der die Mächtigen von sich überzeugte. Der Autodidakt, der die Studierten übertrumpfte. Der Waghalsige, der die Genügsamen mit der Energie des sozialen Aufsteigers überholte.
Und: ein Menschenfreund. «Auf die Dauer kann man diesen Beruf nicht ausüben, ohne die Menschen zu mögen», schrieb er einmal. «Zyniker scheitern schnell.»
Gegen die «rote Köchin» und die Jugendbewegung
Nach 1980, als er die Gratisblätter «Züri-Leu» und «Züri Woche» übernahm, zog Lüönd wie kein Zweiter gegen die Zürcher Linke ins Feld. Es war eine regelrechte Kampagne, finanziert unter anderem vom Autounternehmer und späteren SVP-Grossspender Walter Frey. Mit Schlagzeilen wie: «Zürich ist pleite». Oder: «Wen haut die rote Köchin als Erstes in die Pfanne?», geschrieben 1986 über die neu gewählte SP-Stadträtin Ursula Koch.
Mit ihr lieferte sich die «Züri Woche» eine eigentliche Fehde, die in der Publikmachung der angeblichen Affäre mit einem Regierungskollegen gipfelte. Die linke Verführerin, die ihren bürgerlichen Kollegen verführte und damit auch politisch auf ihre Seite zog – es war ein zweifelhaftes Narrativ. Lüönd bereute die Berichterstattung später – allerdings vor allem wegen des Reputationsschadens, den sie ihm beschert habe.
Gegen die Jugendbewegung der 1980er Jahre schrieb er ebenfalls an – und wurde zu ihrem Feindbild. Als zwei Bewegte unter dem Pseudonym «Herr und Frau Müller» an einer Diskussionssendung im Fernsehen teilnahmen, publizierte er ihre Klarnamen. Begründung: «Wer sich derart exponiert, muss damit rechnen, dass man den Käfer genauer unter die Lupe nimmt.»
Bärtig, beleibt, mit Siegelring – und doch auch immer Aussenseiter: Karl Lüönd bei der Lancierung einer kurzlebigen Sonntagszeitung 1986.
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Den Fall der bürgerlichen Mehrheit im Stadtrat, Anno Domini 1990, konnte allerdings auch Lüönd nicht verhindern. Sein Stil wurde stattdessen zum Modell für die neue bürgerliche Opposition.
Alles für den Leser – und die Verkaufszahlen
Ein «Jagdhund», eine «Kampfsau», ein «Witwenschüttler»: Karl Lüönd war in den Augen seiner Zunft ein Mann des Boulevards und der zweifelhaften Methoden. Einer, der alles tat für den voyeuristischen Leser, die politische Agenda seiner Verleger – und die Verkaufszahlen am Kiosk, die er noch Jahrzehnte später auswendig zitieren konnte.
Er war aber stets auch etwas anderes: ein feiner Beobachter seiner Branche und der Zürcher Milieus, in denen sie verhaftet war.
Eines seiner Lieblingsbücher war der «Schweizerspiegel» von Meinrad Inglin. Ein Roman, geschrieben von einem Innerschweizer Journalisten, in dem das bürgerliche Zürich in liebevoller Melancholie seziert wird. Wer die Schweiz verstehen wolle, müsse dieses Buch lesen, pflegte Lüönd zu sagen. In seiner Hauptfigur, einem Brigadier, dem in den Wirren der industriellen Moderne Karriere, Sicherheit und Ehrgefühl entgleiten, schien er etwas Universelles zu erblicken. Vielleicht auch etwas von sich selbst.
Denn nach den Boom-Jahren des Zeitungswesens erlebte und beschrieb Lüönd ab den 1990er Jahren auch den langsamen Untergang der Medienwelt, die ihn gross gemacht hatte. Die Einnahmen aus Inseraten brachen ein, während die Verlage gleichzeitig den Einstieg ins Online-Geschäft verschliefen. «Wir haben diese Krise redlich verdient», schrieb Lüönd im Rückblick. «Sie ist die Folge jahrzehntelang geduldeter Bequemlichkeit und Arroganz.»
Seine eigene Gratiszeitung war 1998 am Ende, ihr Geschäftsmodell überholt. Er selbst schrieb von da an, meist gegen Entgelt, Bücher über jene Art von Mann, die ihn immer fasziniert hatte: Unternehmer, Macher, Patrons von altem Schrot und Korn. Dutzende von Biografien und Firmengeschichten waren es, über Figuren wie den Autopionier Emil Frey, den Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler oder den Denner-Besitzer Karl Schweri.
Nur über sich selbst, seinen unwahrscheinlichen Weg vom Arbeiterjungen zum Chefredaktor, schrieb Lüönd keines seiner vielen Werke.
Ein «Jagdhund», der sich als Menschenfreund sah: Karl Lüönd im Jahr 2005.
Gaëtan Bally / Keystone
Er konnte jede Geschichte erzählen – ausser eine
Wie ist einer mit seiner Biografie eigentlich zum Bürgerlichen geworden? Wenn man ihn das fragte, antwortete Lüönd mit einer Geschichte: darüber, wie er seinen ersten richtigen Job bei einer freisinnigen Zeitung in Luzern bekommen habe. Als junger Mann, ohne höheren Abschluss, den Vertrag angeblich auf einer Serviette geschlossen. Und wie er in diesem Moment gemerkt habe: Bei denen zählt, was ich kann, nicht, wer ich bin.
Ist die Anekdote wahr oder ist sie, ganz Boulevard, so gut zugespitzt, dass man sie fast erfunden nennen müsste? Es ist, wie bei so vielen seiner Erzählungen, nie ganz sicher. Die gute Geschichte, sie stand für Lüönd über allem.
Recht hat er trotzdem oft behalten. Erst vergangenes Jahr kommentierte er einen Stellenabbau beim Tamedia-Verlag so: «Die Filetstücke waren längst weg. Der Rest kommt jetzt vor die Hunde.»
Vor drei Wochen kündete der Verlag nun die nächste Entlassungsrunde an. Nur kurze Zeit später, am 9. Februar 2026, ist Karl Lüönd – ein Journalist, wie es ihn heute nicht mehr geben könnte – im Alter von 80 Jahren verstorben.
Von ihm bleiben lange Bücher, trockene, kurze Sätze – und die Erinnerung an einen Mann, der jede Geschichte erzählen konnte, ausser vielleicht seine eigene.
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