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Die äthiopische Hauptstadt setzt auf Licht als Lockmittel für Investoren. Während Fassaden nachts leuchten sollen, verschwinden in den Armenvierteln ganze Quartiere – und ihre Hunde.
Addis Abeba will Dubai nacheifern. Dafür müssen die oberen Stockwerke von Hochhäusern ihre Lichter in der Nacht anlassen.
Ed Ram / Getty
In der Tierwelt ist die Anziehungskraft von Licht bekannt: Von Motten und Mücken bis hin zu Meeresschildkröten, die sich durch Lichtreflexe im Wasser orientieren, folgen viele Spezies Funkeln jeder Art. Ähnlich, so vermutet Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed, verhält es sich mit Investoren. Besonders mit den begehrten grossen Exemplaren.
Seit einigen Jahren schreibt daher eine Verordnung in der Hauptstadt Addis Abeba vor, dass Hausbesitzer in der Nacht die Lichter anlassen müssen. Alles soll glitzern in dieser Stadt, nicht nur die Leuchtreklamen. So hat es Singapur einst per Gesetz vorgemacht – und Äthiopiens Metropole mit ihren 6 Millionen Einwohnern folgt mit weit weniger Wirtschaftskraft. Die Anwältin Merhawit erlebt das in ihrer Wohnung: «Ich war bisher schon von teilweise leerstehenden, aber hell erleuchteten Bürogebäuden umgeben.» Das Licht, dieser Schlafräuber, dringt selbst durch die dicksten Vorhänge.
Dann standen plötzlich Fassadenkletterer auf ihrem Balkon im vierten Stock. Ob sie bitte den Stecker für die neue Aussenbeleuchtung bei sich einstöpseln könne – der Vermieter wollte sich mit der Regierung offenbar besonders gut stellen. «Über meine Stromrechnung? Nein danke», bekamen die Männer zu hören.
Bald soll Addis Abeba auch den weltgrössten Flughafen erhalten, nach dem Vorbild von Dubai. Um den Fortschritt zu ermöglichen, werden derzeit ganze Stadtteile abgerissen, deren Armut sich nicht so einfach mit Licht überstrahlen lässt. Bewohner wurden umgesiedelt, hastig, rechtlich kreativ. Zurück blieben Baugruben, Staub – und Hunde. Viele Menschen liessen ihre Vierbeiner zurück, andere Hunde lebten ohnehin schon auf der Strasse. Offiziell sind es etwa 30 000. Inoffiziell: sehr viel mehr.
Zehntausende Strassenhunde sollen in Addis Abeba verschwinden. Sie stören das Stadtbild.
Tiksa Negeri / Reuters
In Addis Abeba verschwinden nun die Strassenhunde oft nachts, vergiftet von Beamten. Dagegen wehrt sich Feven Melese. 30 Jahre alt, eigentlich Musikerin, aber derzeit überwiegend Ärgernis der Stadtverwaltung. Sie postet Videos der Vergiftungen und landet dafür oft auf der Polizeiwache. «Du bist doch dieses Tiktok-Girl mit den Hundevideos», sagte ein Polizist bei einer ihrer Festnahmen. Dutzende Hunde päppelt sie gegenwärtig in ihrem improvisierten Tierheim aus Bretterverschlägen auf, um sie an neue Besitzer zu vermitteln.
Nicht jeder ist ihrer Meinung. Auf einer gigantischen Baustelle wird gerade das Fundament für Dutzende Hochhäuser gelegt, mit Klinik und Schulen. «Wir brauchen Fortschritt in Äthiopien, und es gibt einfach zu viele Strassenhunde», sagt ein Immobilienmakler, der die noch ungebauten Apartments anpreist. Verkauft habe er bislang nur wenig, räumt er ein.
In diesen Tagen wird besonders viel Jagd auf die Vierbeiner gemacht. Denn bald beginnt der nächste Gipfel der Afrikanischen Union in Addis Abeba, dessen Name auf Amharisch «Neue Blume» heisst. Das Staatentreffen ist für den Valentinstag angesetzt. Ein für Blendwerk anfälliges Datum also.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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