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Der Journalist Josef Viktor Widmann

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Die Zugabe


Manfred Papst

Publizist und Redaktor Joseph Viktor Widmann (1842–1911) in einer undatierten Aufnahme.

Photopress / Keystone

Er war ein Vielschreiber, umtriebig und unerschrocken, neugierig und herzlich: Der Schweizer Schriftsteller Josef Viktor Widmann (1842–1911) war ein stürmischer Menschenfreund. Seine zahlreichen, damals höchst erfolgreichen Versepen, Dramen und Erzählungen sind heute weitgehend vergessen, doch als Feuilletonredaktor beim Berner «Bund», für den er während dreissig Jahren Tausende von Rezensionen verfasste, bleibt er aktuell. Zu seinen Entdeckungen zählten etwa Robert Walser und Ricarda Huch.

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Nicht allen war Widmanns Enthusiasmus geheuer. Gottfried Keller nannte ihn in einem Brief an Paul Heyse einen «leidenschaftlichen Anpreiser», und Karl Kraus beschimpfte ihn 1901 in der «Fackel» sogar als «einen der unausstehlichsten Lobmeier im neudeutschen Literaturtreiben». Damit tut er ihm unrecht. Denn Widmann weiss, auch wenn er sich mehr als Ermöglicher denn als Verhinderer sieht, sehr wohl zu differenzieren, und in seinem kolloquialen, von Humor und Ironie durchwirkten Stil zählt er zu jenen Autoren, die das Feuilleton zur literarischen Gattung erhoben und mit ihrer persönlichen Ansprache eine Leserbindung schufen, die sich mit blosser Berichterstattung nicht erreichen liess.

Das Robert-Walser-Zentrum Bern hat in seiner Schriftenreihe unlängst einen Band mit klugen Beiträgen und schönen Illustrationen zu Widmann herausgebracht. Die Essays ermuntern uns, den Autor neu zu lesen. Denn mag es auch mühselig erscheinen, den Staub von seinen epischen und dramatischen Dichtungen zu blasen: Die journalistischen Arbeiten haben sich gut gehalten. Das hat zum einen mit ihrem leichtfüssigen, anschaulichen Stil zu tun, zum andern damit, dass Widmann politisch immer wieder Haltung bewies, ob es um Kaiser Wilhelm II. oder Missstände in der bernischen Armenpflege ging. 1884 setzte er sich in einem Artikel mit dem Titel «Eine rare Melodie, die man in hundert Jahren von allen Dächern pfeifen wird» nachdrücklich für das Frauenstimmrecht ein. Zwei Jahre zuvor hatte er bereits einen satirischen Beitrag veröffentlicht, der die Absurdität der Verhältnisse zeigte, indem er sie umkehrte. In seinem auf das Jahr 2082 datierten Text «Das Männerstimmrecht» heisst es: «Es wird in extrem radikalen Kreisen gegenwärtig neuerdings die schon oft besprochene Frage angeregt, ob nicht das männliche Geschlecht ebenfalls politisches Stimmrecht bekommen sollte.»

Mit allem Respekt vor Keller und Kraus: Hier schrieb kein «Lobmeier», sondern ein hellwacher, kritischer Kopf, der übrigens schon 1905 gegen den «Volksfeind Automobil» ankämpfte, das «plutokratische Fuhrwerk, bei dem zugunsten Weniger die grosse Mehrheit aller Menschen aufs unverschämteste terrorisiert wird».