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Der Europacup-Primus Spanien kämpft gegen England um seine Vormacht

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Spaniens Klubs dominieren seit Jahren den europäischen Klubfussball, doch in der Vorrunde wurden sie von Gegnern aus England vorgeführt. In den Achtelfinals bietet sich die Chance zur Korrektur.

Florian Haupt, Barcelona

1:9 Siege lautet die Bilanz der spanischen gegen die englischen Teams in der diesjährigen Champions League – auch wegen Diego Simeones Atlético Madrid.

Oscar J. Barroso / Imago

Vor einer Woche erlebte das Camp Nou einen spektakulären K.-o.-Match. Hingebungsvoll machte sich der FC Barcelona ans Werk, ein 0:4 aus dem Hinspiel aufzuholen. Am Ende reichte es zwar nur zu einem 3:0, aber die Fans im Stadion feierten ihr Team trotzdem lange. Es war ein grandioser Fussballabend zur Champions-League-Stunde – im spanischen Pokal-Halbfinale gegen Atlético Madrid.

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Im europäischen Premium-Wettbewerb wartet Spanien diese Saison dagegen noch auf ähnliche Heldenepen. Barcelona, Atlético und Real Madrid haben sich ins Achtelfinale gerumpelt, ohne dabei viel mehr zu hinterlassen als eine gruselige Statistik: Von zehn Aufeinandertreffen mit englischen Vereinen haben sie neun verloren, Torverhältnis: 5:22. «Es ist offenkundig, dass die Premier League stärker ist als die spanische», haderte der Radiosender Cope während dieser Negativserie. «Was wir nicht wussten, ist, dass der Unterschied so abgrundtief ist.»

Diese und nächste Woche bietet sich den Spaniern nun die Chance zur Korrektur. Gleich drei ihrer Vertreter messen sich mit einem englischen Klub. Barcelona trifft auf Newcastle United, Atlético auf Tottenham Hotspur und Real Madrid auf Manchester City. Reüssieren alle drei, hätten sie das britische XXL-Kontingent von derzeit noch sechs Teams auf die Hälfte gestutzt, wären im Viertelfinale mindestens gleich stark vertreten – und würden sich damit dem Standard nähern, der vor nicht allzu langer Zeit Normalität war.

Der langjährige Trend spricht gegen Spanien

Denn eigentlich ist Spanien der Europapokal-Primus der jüngeren Vergangenheit. Mit jeweils sieben Titeln in Champions League und Europa League hat La Liga in den letzten zwölf Jahren in den beiden wichtigsten Vereinswettbewerben mehr als die Hälfte aller Trophäen gewonnen.

Allerdings ging der Trend in letzter Zeit nach unten. In den vergangenen fünf Ausgaben feierten die Iberer nur noch je zwei Triumphe in Champions League und Europa League. Das ist immer noch mehr als jede andere Nation und wäre auch kein Anlass für Untergangsrufe – wenn die spanischen Vereine nicht in der Breite so stark nachgelassen hätten.

Die Uefa-Fünfjahreswertung, die das Abschneiden aller Starter einer Liga addiert, liefert diesbezüglich ein unbestechliches Abbild. Führte Spanien vor zehn Jahren noch mit 25 Punkten Vorsprung und vor fünf Jahren noch mit 12 Punkten, liegt es mittlerweile 21 Punkte hinter England und sogar 6 Punkte hinter Italien; der Vorsprung auf den Vierten Deutschland beträgt auch nur noch knapp 4 Zähler.

Dieses Jahr sind in der Champions League die Gelegenheitsteilnehmer Athletic Bilbao (knapp) und Villarreal (kläglich) bereits in der Gruppenphase ausgeschieden. Dass Spaniens grosse drei im Achtelfinale stehen, ist derweil nicht mehr als eine Erfüllung der Pflicht.

Denn die finanzielle Übermacht der Premier League greift erst ab dem Mittelbau. Real Madrid und Barcelona sind mit 1,16 Milliarden beziehungsweise 985 Millionen Euro Jahreseinnahmen die umsatzstärksten Klubs Europas. Auch Atlético kann mit 455 Millionen noch halbwegs mit den Engländern mithalten, die hinter Bayern München (860) und Paris Saint-Germain (837) in der «Deloitte Football Money League» die Plätze fünf bis zehn belegen.

Gegen den derzeitigen Premier-League-Sechzehnten Tottenham ist Atlético nun ebenso zu favorisieren wie Barcelona gegen den Zwölften Newcastle. Just bei dieser Paarung sorgten die Katalanen beim 2:1-Auswärtssieg in der Vorrunde für den einzigen spanischen Erfolg in den zehn Duellen mit den Briten. Dagegen unterlag Real gegen Manchester City zu Hause und wirkt angesichts seiner schwachen Saison und der Verletzungssorgen – der Einsatz der Stars Kylian Mbappé und Jude Bellingham ist unsicher – eher wie der Aussenseiter.

Kylian Mbappé trifft mit Real Madrid auf Manchester City.

Le Pictorium / Imago

Es fehlt an Tempo, Physis und Wettkampfhärte

Immerhin bleibt Real der Mythos des Champions-League-Rekordsiegers. Mit City duellierte es sich schon in den letzten vier Spielzeiten. Dreimal kamen dabei die Spanier weiter. Bisweilen brauchte es dafür allerdings eine schon fast paranormale Schicksalsgunst, denn fussballerisch wirken die Königlichen schon seit Jahren international abgehängt.

Jüngst scheiterte der Trainer Xabi Alonso damit, den königlichen Heldenkickern ein Update bezüglich Methodik und mannschaftlicher Geschlossenheit zu verpassen – das dafür nötige Detailtraining war den Profis schlicht zu anstrengend. Unter seinem Nachfolger Álvaro Arbeloa droht nun die zweite titellose Saison nacheinander bei einem Verein, in dem die Champions-League-Titel 2022 und 2024 zu falscher Selbstzufriedenheit geführt haben.

Tempo, Physis und Taktik, Effizienz, Durchschlagskraft und Wettbewerbshärte: Die Mängelliste der spanischen Vereine umfasste in der Vorrunde fast alle Bereiche des Spiels. Auffällig ist besonders die Anfälligkeit in der Abwehr; Barcelona, Real und Atlético waren von den besten 15 Teams in der Champions League jene, die am meisten Tore kassierten. Besonders erstaunlich ist das im Fall von Atlético, das unter seinem ewigen Trainerguru Diego Simeone die grössten Erfolge der eisernen Abwehrkunst verdankte – jetzt aber wie die Ligakollegen insbesondere von englischen Rivalen oft überpowert wird.

Es ist ein Muster, unter dem der FC Barcelona schon seit seinem letzten Champions-League-Titel 2015 leidet. Robuste Gegner lagen den Katalanen selbst während jener vielleicht einmaligen Epoche nicht, als die Zwerge Messi, Xavi und Iniesta den Faktor Physis auszuhebeln schienen.

Kann ein vergleichsweise körperloser Fussball auch mit den neuen Helden Lamine Yamal und Pedri sowie der gewagt hohen Abwehrlinie des Trainers Hansi Flick triumphieren? Nicht zuletzt auf diese Frage dürften die nächsten Wochen neue Antworten liefern. Denn selbst bei einem Weiterkommen der spanischen Klubs im Achtelfinale warten unweigerlich bald die nächsten englischen Gegner.