#Blue #Owl #kämpft #mit #Vertrauensverlust
Um mehr Neugelder zu generieren, haben Private-Credit-Anbieter ihre Fonds für reiche Privatpersonen geöffnet. Das rächt sich in der wohl schwersten Vertrauenskrise der Branche.
Blue Owl Capital gehörte bis vor kurzem noch zu den Überfliegern an der Wall Street.
Brendan McDermid / Reuters
Wer hoch fliegt, fällt umso tiefer. Das müssen derzeit Doug Ostrover und Marc Lipschultz erfahren. In einem Jahrzehnt haben sie ihr Private-Credit-Unternehmen Blue Owl in die oberste Liga der Wall Street geführt. Das Finanzunternehmen verwaltet inzwischen über 300 Milliarden Dollar an Kundengeldern. Ostrover und Lipschultz wurden Milliardäre und kauften die Tampa Bay Lightning, eines der besten Eishockeyteams der USA.
Jetzt droht der jähe Fall. Blue Owl teilte vorletzte Woche mit, 1,4 Milliarden Dollar an Krediten weiterverkaufen zu wollen, um einige Investoren in seinen älteren Fonds auszuzahlen. Für einen Fonds hat Blue Owl zudem die vierteljährlichen Rückzahlungen ausgesetzt. Das Geld der Anleger ist damit nicht verloren, aber es steckt bis auf weiteres in dem Fonds fest.
Der Schritt hätte eigentlich für Ruhe sorgen sollen, führte bei manchen Anlegern aber erst recht zu einer Torschlusspanik und zum Wunsch, ihr Geld schleunigst aus den Fonds von Blue Owl abzuziehen. Der Börsenkurs der Finanzgesellschaft ist seit Januar von 16 auf noch 10 Dollar eingebrochen. Anfang 2025 hatte er noch bei über 25 Dollar gelegen.
Nervöse Kunden
Blue Owl ist nur das Symbol einer breiteren Vertrauenskrise, welche die ganze Private-Credit-Branche erfasst hat. Auch die Aktienkurse der Schwergewichte Apollo, Ares, KKR und Blackstone haben seit Jahresbeginn um 25 Prozent und mehr nachgegeben. Zahlreiche Private-Credit-Unternehmen haben (wie Blue Owl) stark in Software-Firmen investiert, deren Zukunft wegen des raschen Fortschritts der KI-Modelle infrage gestellt ist.
Und doch ist Blue Owl gegen die Unruhe am Markt anfälliger als die anderen grossen Anbieter, weil rund 40 Prozent seiner Kundengelder von vermögenden Privatpersonen stammen sollen. Um auch «einfache Millionäre» als Privatkunden zu gewinnen, hat Blue Owl wie manche Wettbewerber einige Fonds so gestaltet, dass Anleger ihre Anteile frühzeitig verkaufen können.
Das Unternehmen hat diese Fonds dann über Finanzberater und Vermögensverwaltungsbanken beworben. Diesen Beratern kommt bei der Stabilisierung des Markts jetzt eine wichtige Funktion zu: Sie müssen ihre Kunden davon überzeugen, investiert zu bleiben. Eine gescheiterte Zusammenlegung von zwei Blue-Owl-Fonds im vergangenen Herbst hatte diese Kundschaft aber bereits verunsichert.
Vielen Anlegern fehlt das finanzielle und psychologische Rüstzeug für Investitionen in Privatmärkte, die einen sehr langen Atem benötigen. Klassische Privatmarktanlagen werfen erst nach vier bis sechs Jahren Erträge ab, und es ist oft nicht oder nur mit schweren Nachteilen möglich, frühzeitig auszusteigen. Eine Pensionskasse oder ein grosses Family-Office kann dagegen problemlos damit umgehen, dass ein Teil des Vermögens über Jahre nicht zugänglich ist.
Betrügerische Kreditnehmer
Genau weil ihre Fonds den Rückzug von Investitionen beschränken, können Anbieter wie Blue Owl keinen eigentlichen Bank-Run erleiden. Aber sie sind auf einen konstanten Zufluss von Neugeldern angewiesen, der zu versiegen droht.
Die KI-Panik ist nicht das einzige Problem der Branche. Diese kämpft nach mehreren Betrugsskandalen bei Portfoliogesellschaften mit einer breiteren Vertrauenskrise. Im Herbst 2025 kollabierten kurz nacheinander zwei amerikanische Unternehmen, der Autozulieferer First Brands und der Kreditfinanzierer Tricolor, die sich stark über Privatmarktkredite finanziert hatten. Das US-Justizministerium ermittelt in beiden Fällen wegen Betrugs.
Vergangene Woche ist auch der britische Hypothekenfinanzierer MFS, der Schulden in Milliardenhöhe bei Banken und Private-Credit-Anbietern angehäuft hat, in die Insolvenz geschickt worden. MFS wird vorgeworfen, seine Vermögenswerte mehrfach als Sicherheit für Kredite hinterlegt zu haben.
Die drei Pleite-Unternehmen sind nicht systemrelevant, doch rückt ihr Gebaren das Risikomanagement ihrer Geldgeber in den Fokus: Wenn den Private-Credit-Anbietern schon die Ungereimtheiten bei First Brands und MFS entgangen sind, was für Kredite stecken sonst noch in ihren Büchern?
Viel Geld kämpft um wenige Kreditnehmer
Jamie Dimon, der Chef der Bank JP Morgan, warnte schon im Oktober davor, dass Fälle wie First Brands nur die Spitze des Eisbergs seien: «Wo man eine Kakerlake sieht, gibt es vermutlich noch mehr.»
Private-Credit-Anbieter sind auch deshalb so stark gewachsen, weil der Markt für Banken wegen strenger regulatorischer Anforderungen nicht besonders attraktiv war. Die Banken finanzierten im Gegenzug die Privatmarktgesellschaften und beteiligten sich somit indirekt am Geschäft.
In letzter Zeit hat der Konkurrenzkampf unter den Geldgebern aber deutlich zugenommen, was die laschen Kontrollen bei den Portfoliogesellschaften erklären könnte. Weil die Banken auf eine Lockerung der Kapitalregeln unter der Trump-Regierung hoffen, könnte sich der Konkurrenzkampf noch verschärfen. Das erhöht die Gefahr, dass auch die «Kakerlaken» unter den Kreditnehmern weiter finanziert werden.
Anbieter wie Blue Owl werden noch alle Hände voll zu tun haben, das angeknackste Vertrauen wiederherzustellen.
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