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«Wir stehen am Rande einer Weltrezession»

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Der Ökonom und Investmentspezialist Klaus Wellershoff sieht wegen des Iran-Kriegs grosse konjunkturelle Risiken. An den Börsen rechnet er mit weiteren Kursverlusten. Aktien seien weiterhin hoch bewertet.

Klaus Wellershoff: «Wenn Konsumenten etwas weniger konsumieren und Firmen Investitionen aufschieben, ist man ruck, zuck im negativen Bereich.»

Christian Reichenbach

Herr Wellershoff, der Swiss-Performance-Index hat in den letzten vier Wochen um 9 Prozent, der DAX sogar um über 10 Prozent verloren. Rechnen Sie wegen des Iran-Kriegs mit weiteren Kursverlusten?

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Es ist schwierig, Aktienkurse zu prognostizieren. Wir bewegen uns aber zweifellos in einem Umfeld, in dem es für Unternehmen sehr schwierig ist zu manövrieren. Es gibt erhöhte Inflationsraten. Und wir stehen am Rande einer Weltrezession. So gesehen ist für Anleger weiterhin grosse Vorsicht angebracht.

Die Aussicht auf eine Weltrezession ist beunruhigend. Steht es derart ernst um die globale Konjunktur?

Die Ereignisse rund um Iran haben die Wachstumsverlangsamung, die wir in praktisch allen grossen Volkswirtschaften im vierten Quartal letzten Jahres sahen, verstärkt. Amerika wuchs schon damals kaum mehr. Deutschland ist in der Rezession, ebenso China. In Europa zeigen die anderen grossen Länder wie Frankreich oder Spanien, denen es bis anhin noch vergleichsweise gutging, nun ebenfalls eine Wachstumsschwäche. Dazu kommen die stark gestiegenen Energiepreise, die Verunsicherung unter Unternehmen und Konsumenten wächst.

Rechnen Sie mit einem Käuferstreik aufseiten der Unternehmen und Konsumenten?

Schon kleine Veränderungen reichen erfahrungsgemäss aus, um die Konjunktur nachhaltig zu beeinträchtigen. Es genügt, wenn Konsumenten etwas weniger konsumieren und Firmen Investitionen aufschieben, und man ist ruck, zuck im negativen Bereich.

Die Preise für Erdöl und Erdgas sind seit dem Ausbruch des Iran-Kriegs stark gestiegen. Stecken wir in der schlimmsten Energiekrise seit den 1970er Jahren?

Es gibt einen entscheidenden Unterschied zu damals. Alle grossen Energieproduzenten, mit Ausnahme Irans, haben ein grosses Interesse, dass die Energieversorgung nicht abbricht. Mit kollektivem Willen sollte es möglich sein, dass wir keine Wiederholung der damaligen Krise erleben.

Was stimmt Sie optimistisch, gibt es genug andere Energieproduzenten, welche die ausbleibenden Lieferungen aus der Golfregion ersetzen können?

Die Schäden, die der Krieg an Anlagen in der Golfregion angerichtet hat, sind gravierend. Die Reparaturen werden mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Doch in diesem Zeitraum kann man Energiereserven umleiten, andere Länder können die Produktion hochfahren. Es ist eine schlimme Situation, aber man muss deswegen nicht in tiefen Pessimismus verfallen.

Saudiarabien warnt davor, dass der Ölpreis auf über 180 Dollar steigen könnte, falls die Strasse von Hormuz länger als bis April unpassierbar bleibt. Wie realistisch ist diese Annahme?

Es ist ein Szenario, mehr nicht. Energiepreise vorherzusagen, zählt zum Schwierigsten im Bereich der Prognosen. Wir bewegen uns in einer Marktwirtschaft, und da gibt es Redundanzen. Unser System ist zum Glück resilient.

Sehen Sie Sektoren, die aus dem Krieg einen Profit ziehen?

Im politischen Prozess gibt es offenkundige Verlierer wie jene, die sich bei der Bekämpfung des Klimawandels hervortun. Der Klimawandel findet nach wie vor statt, aber er ist in der Prioritätenliste nach unten gerückt. Umso mehr wird nun in Verteidigung und Sicherheit investiert. Das Pentagon hat 200 Milliarden Dollar an zusätzlichen Mitteln für die Finanzierung des Kriegs beantragt.

Wie sehr setzt dieser Aufwand den ohnehin strapazierten amerikanischen Staatshaushalt unter Druck?

Die Summe ist für eine Volkswirtschaft der Grösse Amerikas verkraftbar. Die zusätzliche Verschuldung kommt aber zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Die USA hatten bereits im vergangenen Jahr ein Haushaltsdefizit von 7,5 Prozent, und das bei Vollbeschäftigung und guter Konjunktur. Jetzt schwächt sich die Wirtschaft ab. Die amerikanische Staatsverschuldung ist ausser Kontrolle.

Diverse Notenbanken haben diese Woche die Leitzinsen unverändert belassen, zugleich ihre Wachstumsprognosen aber nach unten und die Inflationserwartungen nach oben korrigiert. Droht der Welt womöglich eine Stagflation?

Generell können Notenbanken höhere Erdölpreise nicht über die Zinsen in den Griff bekommen. Mit Zinsveränderungen lässt sich die Kreditvergabe ankurbeln oder abwürgen, nicht aber das Öl verbilligen. So gesehen ist nachvollziehbar, dass die Zentralbanken nun erst eine Warteposition einnehmen. Falls sich die Konjunktur tatsächlich weiter abschwächen sollte, werden die Währungshüter reagieren. Die amerikanische Notenbank verfügt über Spielraum, um die Zinsen zu senken. Und das ist ja wohl, was uns am meisten interessiert.

Die Preise steigen nicht nur an den Tankstellen, auch Lebensmittel drohen sich wegen der höheren Energiepreise zu verteuern. Müssen wir uns auf einen breiten Inflationsschub einstellen?

Die höheren Energiepreise werden die Preise in verschiedenen Lebensbereichen nach oben drücken. Aber es ist verfrüht, um in Prozentpunkten abschätzen zu können, wie stark dies die Inflation befeuern wird. Viel wird davon abhängen, ob wir tatsächlich in eine Weltrezession rutschen.

Wie verhalten sich Anleger angesichts der deutlich gestiegenen Risiken am besten, ist es ratsam, Positionen im Depot, bei denen man noch im Gewinn ist, abzustossen?

Wir rieten unseren Kunden bereits Ende letzten Jahres, mit vorsichtiger Gangart zu investieren. An dieser Einschätzung hat sich nichts geändert. Jeder Anleger sollte in der Lage sein, dann im grösseren Umfang zu investieren, wenn die Rezession da ist. In solchen Phasen erzielt man die höchsten Gewinne. Im Moment ist es dafür noch zu früh.

Weil die Bewertungen immer noch zu hoch sind?

Die meisten Leute denken bei Finanzanlagen an Aktien. Obschon die Kurse auf breiter Front nachgegeben haben, sind die Bewertungen nach wie vor eher hoch. Neben den Aktienpreisen sollte man aber auch die Risikoaufschläge bei Unternehmensanleihen im Auge behalten. Diese liegen gegenüber Staatsanleihen noch immer auf einem niedrigen Niveau. Da muss noch einiges gehen, ehe sich Investitionen im grösseren Umfang wieder lohnen.

Die Börsen wurden stark von der Euphorie im Zusammenhang mit der künstlichen Intelligenz angetrieben. Drohen Technologietitel nun umso stärker an Wert zu verlieren?

KI ist eine gänzlich neue Theorie, mit der wir alle leben lernen müssen, genauso wie damals beim Computer oder beim Natel. Niemand weiss bis jetzt, wie man am besten damit umgeht, um wirtschaftlich Erfolg zu haben. Deshalb investieren Unternehmen zurzeit auch so viel Geld in diesem Bereich. Es wird sicher grosse Abschreibungen geben. In jeder technologischen Umbruchphase gibt es Leute, die sich vertun.

Wie steht es mit den Gewinnern der KI, haben Sie welche identifiziert?

Wenn ich das könnte, wäre ich nicht in der Markt-, sondern in der Planwirtschaft tätig.