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Autonomie der Kurden vor dem Aus

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Syriens Kurden verlieren ihre Autonomie: Die letzten Tage von Rojava

Nach ihrer Niederlage gegen die Regierungstruppen von Präsident Ahmed al-Sharaa müssen die Kurden in Ostsyrien ihre Selbstverwaltung aufgeben und ihr Militär auflösen. Eindrücke aus einem untergehenden Land.

Als Ahmed Omer am Freitag zu Grabe getragen wird, geben sich die syrischen Kurden noch einmal kämpferisch. Man werde niemals aufgeben, das Blut der Märtyrer sei heilig, ruft ein alter Mann auf einer verrosteten Ehrentribüne in ein Mikrofon. Immer wieder antwortet die Menge unten mit Durchhalteparolen, während der von einer Flagge bedeckte Sarg aufgebahrt wird.

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«Kurdistan wird siegen», ruft der Mann jetzt einmal mehr. Doch die scheinbar so selbstbewusste Veranstaltung auf dem Friedhof von Kamishli kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es mit Rojava – dem seit rund einem Jahrzehnt de facto unabhängigen Kurdenstaat in Ostsyrien – zu Ende geht.

Das Ende einer Ära

Noch während Omers toter Körper durch die Menschenmenge getragen wird, umringt von wehenden Fahnen und im strömenden Winterregen, wird mit einem Mal klar, dass es sich bei dem jungen Mann aus dem irakischen Kirkuk, der an der Front gefallen ist, wohl um einen der vorerst letzten Märtyrer hier handeln wird.

Der letzte Tote: Kurz vor dem Ende der Kämpfe in Ostsyrien tragen Kurden in Kamishli einen gefallenen Milizionär zu Grabe.

Bei der Beerdigung geben sich die Kurden kämpferisch. Doch dürften sie bald ihre Autonomie verlieren.

Denn fast zeitgleich unterzeichnet die lokale Kurdenführung um ihren militärischen Anführer Maslum Abdi ein Abkommen mit der syrischen Regierung in Damaskus. Es beendet einen kurzen, aber umso entscheidenderen Krieg, der für die Kurden mit einem Debakel geendet hat.

Die Angehörigen dieser kämpferischen Minderheit, die sich vor rund zehn Jahren den Mörderbanden des Islamischen Staates entgegengeworfen haben, müssen nun mit ansehen, wie ihr Militär aufgelöst und ihre Autonomieverwaltung abgewickelt wird. Schon am Montag marschierten erste Einheiten des Damaszener Innenministeriums in die Kurdengebiete ein.

Es ist das Ende einer Ära. Bis vor etwas mehr als einem Jahr noch galten die syrischen Kurden als nahezu unbezwingbar. Ihr gut ausgerüstetes Milizenbündnis, die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), stand am Ufer des Euphrats, unterstützt von den Amerikanern, mit denen sie schon während ihres Kampfes gegen den IS zusammengearbeitet hatten.

«Was hätten wir anderes tun sollen?»

Doch dann überschlugen sich die Ereignisse. Kurz vor Weihnachten 2024 vertrieb der islamistische Rebellenführer Ahmed al-Sharaa den Diktator Bashar al-Asad aus Damaskus. Die Amerikaner wechselten die Seiten – und mit einem Mal waren die Kurden allein. Jetzt verloren sie innert weniger Wochen fast alles.

Blick auf die Frontlinie in der Nähe der Stadt Hasaka. Bis vor kurzem wurde hier noch gekämpft. Inzwischen haben die Kurden ein Abkommen mit der Zentralregierung unterzeichnet.

Die kurdische Offizierin mit dem Kampfnamen Gurbat traut den Truppen von Präsident Ahmed al-Sharaa nicht über den Weg.

Ihre Truppen wurden zurückgedrängt. Einst verbündete arabische Stämme verrieten sie und wechselten ins Lager von Präsident Sharaa. Städte und Dörfer in Ostsyrien fielen fast kampflos. Und nun? Zurückgeworfen auf ihre Stammlande, schwanken die Kurden zwischen Wut, verletztem Stolz und nackter Angst vor dem, was kommen wird.

Man könne den Islamisten nicht vertrauen, sagt eine Milizionärin mit dem Kampfnamen Gurbat. «Sie haben zuvor schon alle Abkommen gebrochen.» Die Offizierin der kurdischen Frauenbrigade YPJ kommandiert einen Frontabschnitt östlich der Stadt Hasaka. In dem flachen Land liegen sich Kurden und Regierungstruppen gegenüber. Heute ist die Front ruhig, der Waffenstillstand hält.

Das Abkommen sei nicht gut, so Gurbat. «Aber was hätten wir anderes tun sollen?» Die aus dem türkischen Kurdengebiet stammende Kommandantin weiss, dass die militärische Lage schwierig ist. Zwar sind die verbliebenen SDF-Verbände – die nur noch aus den Kurdenmilizen YPG und YPJ und einigen versprengten Verbündeten bestehen – nach wie vor motiviert.

In Kamishli herrscht Endzeitstimmung

Man kämpfe hier auch für den Westen gegen den IS, betonen die Milizionäre. Im Vergleich zu den von den Türken unterstützten Regierungstruppen wirken die einst so hochgelobten SDF inzwischen aber wie eine Nachbarschaftsmiliz. Statt über moderne Fahrzeuge verfügen sie über alte Humvees. Während der Rückschläge der letzten Wochen habe man zudem viel Material verloren, sagt ein Soldat aus Gurbats Truppe.

Kurdenkämpfer schleppen einen liegengebliebenen Humvee ab. Sie mussten jüngst schwere Rückschläge hinnehmen.

Kämpfer der kurdischen YPG-Miliz in einer Basis. In Zukunft sollen sie bei der syrischen Armee dienen.

In ihrer Einheit hat jeder einen eigenen Grund, um zu kämpfen. Da sind die Kurden, die um das Überleben ihrer Gemeinschaft ringen. Blutjunge Frauen der YPJ, die sich vor den strengen Sitten der Islamisten fürchten. Assyrische Christen, die ihr Heil eher bei den Kurden suchen als bei Sharaa. Und Alawiten – zum Teil ehemalige Asad-Soldaten, die nirgendwo sonst mehr hinkönnen.

Lange wird es diese Truppe aber nicht mehr geben. Denn laut Abkommen sollen die SDF aufgelöst und ihre Kämpfer in die neue syrische Armee eingegliedert werden. «Was wird dann aus uns?», fragt Gurbat, die Offizierin. «Wir Frauen können doch nicht unter den Islamisten dienen.»

Während die Frontkämpfer den drohenden Fall von Rojava einigermassen mit Fassung tragen, herrscht in der inoffiziellen Kurdenhauptstadt Kamishli Endzeitstimmung. Nachts kurven in der tristen Provinzstadt zwar immer noch Kolonnen voller vermummter Kämpfer laut hupend durch die Strassen. Seit dem Abkommen wirken die Autokorsos jedoch verzweifelt.

Verlassene Strassen, uralte Ölpumpen

Ein Veteran, der in einem halbleeren Restaurant sitzt, kann den Untergang kaum fassen. Er ist wütend: «Wozu haben wir gekämpft? Wozu sind so viele von uns gestorben?» Er hat selbst gegen den IS gekämpft, wurde dabei verwundet. «Es wurden Fehler gemacht. Warum sind wir in den Arabergebieten geblieben? Die Araber hassen uns. Kein Wunder, haben sie uns verraten.»

Männer in einem Restaurant in Kamishli. In der Stadt herrscht eine Mischung aus Wut und Unglauben über das kommende Ende der kurdischen Selbstverwaltung.

Ölfelder in Ostsyrien. Der Rohstoff kann von hier aus kaum exportiert werden.

Er wolle nicht unter die Kontrolle der Sharaa-Regierung geraten, sagt er. «Das sind Jihadisten, dieselben Leute wie damals der IS.» Er überlege sich daher, wegzugehen. Bloss wohin? Syrisch-Kurdistan ist ein trister Flecken Erde am Ende der Welt. Die Grenze zur Türkei ist zu, im Süden steht Sharaas Armee. Schon vor dem Krieg herrschte hier Armut. Jetzt ist alles noch schlimmer geworden.

Wer in diesen Tagen durch das Rest-Territorium Rojavas fährt, sieht verlassene Strassen, uralte Ölpumpen, Posten, wo die Militärangehörigen und hastig bewaffnete Zivilisten frierend ein paar Autos kontrollieren, und Abdullah-Öcalan-Plakate, die wie Relikte einer untergegangenen Epoche an den Wänden hängen. Der PKK-Führer gilt auch in Rojava vielen als gottgleicher Held.

Offiziell war das Gebilde hier nach den Ideen des in der Türkei inhaftierten Anführers der im Westen als Terrororganisation geltenden kurdischen Arbeiterpartei geformt worden. Rojava, das sei eine basisdemokratische Räterepublik mit Frauenrechten und Minderheitenbeteiligung, erzählen einem die Verantwortlichen: ein progressives Gegenmodell zu den Islamisten in Damaskus.

Der Gründer der kurdischen Arbeiterpartei PKK, Abdullah Öcalan, wird auch in Ostsyrien von den Kurden wie ein Held verehrt.

Strasse in Kamishli. In den Kurdengebieten Syriens herrscht bittere Armut.

«Alle waren gegen uns»

Das Bild hat jedoch längst Kratzer bekommen. Arabische Einwohner beschweren sich seit langem über die angebliche Arroganz und Korruption der kurdischen Politkommissare, die die eigentlichen Herren im Land sind – und denen enge Verbindungen zur PKK-Führung im benachbarten Irak nachgesagt werden. In letzter Zeit sind in den Cafés von Kamishli aber auch von Kurden hinter vorgehaltener Hand Klagen zu hören gewesen.

Die Administration sei immer autoritärer geworden, sagten sie schon im letzten Januar. Gleichzeitig wirkte das isolierte Land ärmlich und heruntergewirtschaftet. Die Strassen hatten Löcher, das Erdöl konnte bloss über Schmugglerwege exportiert werden, und wirkliche Perspektiven hatten die syrischen Kurden kaum. Immer mehr junge Leute wollten weg.

Nach dem Zusammenbruch versuchen die Führer und ihre Unterstützer, sich zu rechtfertigen. Man habe getan, was möglich gewesen sei, und ein Massaker verhindert, wiederholen sie immer wieder. Sie seien aber verraten worden: von den Verbündeten im Westen, von der Welt. «Alle waren gegen uns. Selbst die Europäer und Amerikaner», sagt Ahmed Karamus, der Vizepräsident des kurdischen Nationalkongresses, in einer Hotellobby in Kamishli. «Dabei haben wir auch für Europa gekämpft.»

Der kurdische Politiker Ahmed Karamus ist zu Besuch in Ostsyrien. Der Westen habe die Kurden verraten, sagt er.

Ein Kontrollposten auf einer Strasse in Ostsyrien. In den Kurdengebieten herrscht teilweise Endzeitstimmung.

Der elegant gekleidete Funktionär ist extra aus Brüssel zu einem Solidaritätsbesuch herangereist. Natürlich sei das ein Rückschlag, sagt er. Aber es gebe auch Positives: Zum ersten Mal hätten die sonst oft zerstrittenen Kurden aus Iran, dem Irak, Syrien und der Türkei an einem Strang gezogen. «Vielleicht ist das der Beginn von etwas Neuem.»

Damaskus bereitet die Übernahme vor

Derweil wird das Alte abgewickelt. Mit Rojava verschwindet aber nicht nur die kurdische Selbstverwaltung in Ostsyrien. Für die Angehörigen der Minderheit mag ihr Ministaat eine Überlebensgarantie gewesen sein. Für manche Linke im Westen hingegen war er eine real existierende Utopie: eine Art heiliges Land, wo Frauen mit der Waffe in der Hand gegen Kapitalismus, Patriarchat und Imperialismus kämpften.

Zur Zeit des Krieges gegen den IS waren auch deshalb etliche ausländische Freiwillige hergekommen, um Seite an Seite mit den Kurden zu kämpfen oder sie dabei zu unterstützen. Nun sind manche von ihnen zurück, um Abschied zu nehmen. Eine Delegation einer deutschen Hilfsorganisation will nochmals nach dem Rechten sehen und ihre Partner besuchen. «Wer weiss, wie lange das noch geht.»

Blick von einer Schule über Kamishli. Für viele Kurden ist ihre Autonomie eine Frage des Überlebens.

Freiwillige der Hilfsorganisation Free Burma Rangers unterwegs in Syrien. Seit Jahren haben die Kurden in Syrien auch im Ausland glühende Unterstützer.

In einem Restaurant in Kamishli sitzen zudem die gottesfürchtigen Amerikaner der Free Burma Rangers – bibeltreue Helfer mit Cargohosen und Bürstenschnitten, die vor dem Essen beten und deren Motto «Liebe und Jesus» lautet. Im Krieg gegen den IS hatten sie einst mit waghalsigen Rettungsaktionen für Zivilisten aus dem Frontgebiet von sich reden gemacht.

Jetzt verteilen sie Lebensmittelpakete an Flüchtlinge. Derweil bereitet die Damaszener Administration alles für die Übernahme vor. Angeblich hat sie bereits einen Gouverneur für die Region bestimmt. Man werde die Rechte der Kurden garantieren, beteuern ihre Vertreter immer wieder. Der Kampf richte sich keineswegs gegen die Minderheit – sondern nur gegen die PKK.

«Wir wollen endlich nach Hause»

Viele nehmen der Regierung das jedoch nicht ab. «Wie soll ich ihnen glauben?», sagt Mustafa Khatib, während er in einer zur Flüchtlingsunterkunft umgestalteten Schule sitzt und seine Tochter auf dem Arm hält. Er ist vor den vorrückenden Regierungstruppen geflohen und hat dabei seine Frau verloren. Sie wurde unterwegs von Damaskus-treuen Stammeskämpfern erschossen. «Ich will, dass es meine Tochter besser hat», sagt er.

Der Flüchtling Mustafa Khatib mit seiner Tochter. Seine Frau ist erst vor ein paar Tagen von regierungstreuen Stammeskämpfern erschossen worden.

Flüchtlinge vor einer Moschee in Kamishli. Der Krieg in Ostsyrien hat Tausende in die Flucht getrieben.

Überall in Kamishli sind Flüchtlinge zu sehen. Sie kommen aus Orten wie Aleppo oder Afrin, wo schon 2018 türkische Truppen einmarschiert sind. Viele von ihnen wissen nicht, wohin. Vor den anrückenden Regierungstruppen fürchten sie sich. Gleichzeitig sind sie müde. «Wir sind jahrelang von einem Ort zum anderen geflohen», sagt eine Frau aus Aleppo, die umringt von ihren Kindern in einer Moschee auf dem Boden sitzt. «Wir wollen endlich nach Hause.»